Schmerz

Die International Association for the Study of Pain definiert Schmerz als „unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktuellen oder potentiellen Gewebeschädigungen verknüpft ist oder mit Begriffen solcher Schädigungen beschrieben wird“. 

 

Schmerz ist nicht ein rein körperliches Phänomen, denn er geht immer mit psychischer Wahrnehmung einher. Auch aus diesem Grund ist Schmerz auch ein Thema in der Psychotherapie. Plato wird dieses Zitat zugeschrieben: "Dies ist der größte Fehler bei der Behandlung von Krankheiten, dass es Ärzte für den Körper und Ärzte für die Seele gibt, wo doch beides nicht voneinander getrennt werden kann."

 

Schmerz hat einen starken kognitiven, emotionalen und auf das Verhalten wirkenden Einfluss: Es kommt zu Veränderungen der Gedanken, Gefühle und zu spezifischem Schmerzverhalten (nämlich Vermeidungsverhalten). Auch Studien belegen den Zusammenhang Schmerzen und psychischen Bedingungen. So gibt es z.B. einen Zusammenhang zwischen Angst und der Intensität des wahrgenommenen Schmerzes. 

Schmerz: akut oder chronisch?

Akute Schmerzen haben eine sinnvolle Funktion: Sie sind ein Alarmsignal, das uns zu einer sinnvollen Reaktion motivieren soll. Das wird klar, wenn man seine Hand auf eine heiße Herdplatte legt. Der Schmerz motiviert bestimmte Verhaltensweisen: In diesem Fall, das Zurückziehen der Hand so schnell wie möglich. Dadurch schützt man sich vor einer schweren Verbrennung.  

 

Der akute Schmerz hat meist eine erkennbare Ursache (z.B. Knochenbruch, Zahnschmerz, Entzündung). Verletzte Körperteile werden geschont und so weitere Schädigungen vermieden.

 

 

Ein ungünstiger Umgang mit Schmerz kann zu einer Chronifizierung beitragen. Intensive oder wiederkehrende Schmerzen verändern das Gehirn (siehe unten: Das Schmerz-Gedächtnis). Es kommt zu einem Teufelskreis, da diese Gehirnveränderungen wiederum die Schmerzwahrnehmung erhöhen. Ein wichtiger psychischer Vorgang, der dazu führt, dass aus akutem Schmerz chronischer Schmerz wird, ist die Aufmerksamkeitslenkung auf den Schmerz.

Ein weiterer Teufelskreis ist, dass chronische Schmerzen die Depressivität erhöhen - und erhöhte Depressivität wiederum die Schmerzsensibilität verstärkt. Daher ist es hilfreich, wenn Patienten sich Wissen aneignen über Schmerzentstehung, Schmerzverarbeitung und Schmerzchronifizierung.

Das Schmerz-Gedächtnis

Nicht ausreichend behandelte Schmerzen hinterlassen Spuren im Gehirn, so wie jede Lebenserfahrung ein Lernprozess ist, der im Gehirn Spuren hinterlässt. Die Spuren im Gehirn, die synaptischen Veränderungen, bezüglich Schmerz werden als Schmerzgedächtnis bezeichnet. Es führt dazu, dass die Empfindlichkeit für zukünftige Schmerzreize erhöht wird. Das Schmerzgedächntis erklärt auch, warum Betroffene Schmerzen spüren, obwohl die einstige Ursache für den Schmerz schon lange nicht mehr besteht.

Die Kontrollschranken-Theorie

Im Jahr 1965 wurde in der Fachzeitschrift Science ein Artikel veröffentlich, der einen großen EInfluss hatte auf das Verständnis von Schmerz: Pain mechanisms: a new theory. Die Kontrollschranken-Theorie (Gate-Control-Theory) besagt: Vom Gehirn kommende Signale beeinflussen die eingehenden Schmerzsignale. Die Schmerzsignale können vom Gehirn einerseits  intensiviert oder andererseits reduziert oder sogar blockiert werden. So kommt die Theorie zu ihrem Namen: Schmerz ensteht nicht einfach nur indem Schmerz-Sensoren aktiviert werden. Stattdessen gibt es noch ein Tor, welches kontrolliert, ob bzw. in welcher Intensität ein Schmerzsignal hindurch kommt. Erst danach kommt es ggf. zur Schmerzwahrnehmung.

 

Die Rolle des Gehirns bei der Schmerzwahrnehmung wird z.B. dadurch deutlich, dass man zunächst keinen Schmerz spürt wenn man sich verletzt und gerade sehr aufgeregt ist. Die Theorie erklärt auch, warum Hypnose, Placebos oder Akupunktur zur Schmerzlinderung erfolgreich eingesetzt werden können. Es zeigt sich, dass die mentale Einstellung einer Person gegenüber Schmerzen, über die Schmerzwahrnehmung mitentscheidet.

Schmerz-Messung

Wie stark ein Schmerz ist, wird in erster Linie von der Persönlichkeit jedes Einzelnen bestimmt, von seinen Gefühlen, Erwartungen und persönlichen Erfahrungen. Die Schmerzstärke wird in der Praxis nicht durch Messgeräte bestimmt, sondern durch die Einschätzung des Betroffenen. Bewährt haben sich Skalen mit einer Unterteilung z.B. von 0 bis 10. Null heißt kein Schmerz, zehn bedeutet stärkster vorstellbarer Schmerz.

 

Schmerzen können außerdem eingeteilt werden in diese Formen:

  • Nozizeptiv-somatischer Schmerz: Dieser wird oft beschrieben als schneidend oder brennend. Wahrgenommen wird er meist so, dass er an einem bestimmten Ort auftritt und die Haut, Knochen oder Muskeln betrifft aufgrund von Verletzungen oder Entzündungen.
  • Nozizeptiv-viszeraler Schmerz: Dieser Schmerz fühlt sich eher dumpf und drückend an. Er wird meist in inneren Organen (Brust- und Bauch) wahrgenommen ohne jedoch einen genaue Ort benennen zu können.
  • Neuropathischer Schmerz: Dieser wird oft als brennend, stechend oder einschießend beschrieben. Er konzentriert sich auf bestimmte Nerven.

Migräne

Migräne zeigt sich typischerweise in einem anfallartigen, pulsierenden Kopfschmerz. Bei Erwachsenen tritt der Kopfschmerz in den meisten Fällen halbseitig auf, bei Kindern ist er meistens beidseitig. Es kommt zu einer Verstärkung des Kopfschmerzes bei körperlicher Bewegung. Es können außerdem Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit oder Geräuschempfindlichkeit auftreten. 

 

Bei einer kleineren Zahl der Betroffenen tritt vor der Migräne eine sogenannte Migräne-Aura auf. Die häufigsten Symptome sind Veränderungen der Wahrnehmung (z.B. dass man ein Flimmern sieht, die Sehkraft in einem bestimmten Teil des Sehfeldes nachlässt oder ein Kribbeln im Körper spürt). Aber auch wenn keine spezielle Migräne-Aura vorhanden ist, können Vorboten wie Unruhe oder Stimmungsveränderungen auftreten vor Beginn der eigentlichen Migräne-Kopfschmerzen.

 

In Deutschland sind etwa acht Millionen Menschen von Migräne betroffen,  Frauen häufiger als Männer. Die Krankheit kann schon im Kindesalter beginnen. Bei Kindern gibt es keine Häufung bei Mädchen, sondern erst ab der Pubertät gehen die Zahlen auseinander.

 

Leidet ein Patient an mehr als 15 Tagen im Monat über einen Zeitraum von drei oder mehr Monaten unter einer Migräne, so spricht man von einer chronischen Migräne.

Diagnostik

Das Thema Schmerz erfordert oft eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Psychotherapeuten. Zur Diagnostik wird eine Befragung des Patienten durchgeführt und hierbei die Krankengeschichte (Anamnese) besprochen. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, die Häufigkeit der Migräne zu erfassen. 

 

Eine körperliche Untersuchung bei einem Arzt dient dem Ausschluss anderer Erkrankungen. Zu unterscheiden ist, ob ein primärer Kopfschmerz oder ein sekundärer Kopfschmerz vorliegt. Ein sekundärer Kopfschmerz ist die Folge einer anderen Erkrankung. Hieran ist vor allem zu denken, wenn es sogenannte Alarmzeichen gibt (z.B. das erstmalige und plötzliches Auftreten des Kopfschmerzes). Wenn ein Kind, z.B. im Alter von 3 bis 4 Jahren über Kopfschmerzen klagt, empfiehlt sich, eine Magnetresonanztomografie (MRT) durchzuführen (PDF: Leitlinie zum Kopfschmerz bei Kindern, Bildgebende Verfahren).

Migräne und Psychotherapie

© antimartina – stock.adobe.com
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Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Befinden (z.B. sich Sorgen machen), der körperlichen Anspannung und Schmerzen. Betroffenen haben oftmals nicht-hilfreiche Gedanken wie, "Hoffentlich habe ich am Samstag keine Migräne, wenn ich zu der Geburtstagsfeier gehe".

Migräne kann auch Folgen haben für das familiäre Miteinander. Eine Studien untersuchte das Verhalten von Eltern gegenüber ihrem Kind mit Migräne im Vergleich zu Geschwistern ohne Migräne. Das Kind mit Migräne wurde von den Eltern häufiger kritisiert und bekam mehr Strafen als das gesunde Kind.

Leitlinien

Von den wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften wurden Leitlinien zum Thema Schmerz veröffentlicht. Dazu zählt eine Leitlinie, die sich an Patienten richtet, die unter Kreuzschmerz leiden.

 

Leitlinien, die sich zur Diagnostik und Therapie an Fachpersonen (Ärzte, Schmerztherapeuten) richten: