Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind tiefgreifende Entwicklungsstörungen. Zwei Bereiche stehen im Zentrum:
"Spektrum" bedeutet: Die Ausprägung reicht weit. Am einen Ende stehen Menschen mit zusätzlicher Intelligenzminderung und wenig Sprache, am anderen durchschnittlich oder überdurchschnittlich intelligente Jugendliche, deren Besonderheiten erst spät auffallen. Früher hieß das "Asperger-Syndrom"; im ICD-11 gibt es nur noch die eine Diagnose ASS mit Zusatzangaben.
Die Symptome bestehen von früher Kindheit an. Sichtbar werden sie manchmal erst, wenn die sozialen Anforderungen steigen, etwa in der weiterführenden Schule. Gerade Mädchen bleiben oft lange unerkannt, weil sie ihre Schwierigkeiten durch Beobachten und Imitieren überdecken ("Masking"). Das kostet sie viel Kraft.
Etwa 1 Prozent der Kinder und Jugendlichen ist betroffen. Jungen werden deutlich häufiger diagnostiziert als Mädchen. Sehr häufig bestehen zusätzliche Störungen, z.B. ADHS, Angststörungen, Depression, Schlafstörungen, Zwänge oder Besonderheiten des Essverhaltens (ARFID). Oft verursachen gerade diese Begleitstörungen den größten Leidensdruck, und sie sind psychotherapeutisch gut behandelbar.
Autismus ist eine angeborene, überwiegend genetisch bedingte Besonderheit der Hirnentwicklung. Erziehung, Impfungen oder Bindungsprobleme verursachen ihn nicht; diese früher verbreiteten Annahmen sind wissenschaftlich widerlegt. Das Gehirn verarbeitet Informationen von Geburt an anders, besonders soziale Reize und Sinneseindrücke.
Die Diagnose einer ASS erfordert eine ausführliche, spezialisierte Diagnostik: Entwicklungsgeschichte mit den Eltern (etwa mit dem Interview ADI-R), strukturierte Verhaltensbeobachtung (ADOS-2), Intelligenz- und Sprachdiagnostik sowie den Ausschluss anderer Erklärungen. Das gehört in die Hände erfahrener Stellen, also in Autismus-Ambulanzen, in die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder in spezialisierte Praxen. Der Grund liegt vor allem in der Abgrenzung zu ADHS, Angststörungen, Mutismus und Bindungsstörungen. Eine frühe Diagnose öffnet den Zugang zu Förderung und Nachteilsausgleichen.
Autismus ist keine Krankheit, die "geheilt" werden müsste. Ziel der Behandlung ist es, Teilhabe zu ermöglichen und den Leidensdruck zu verringern. Dazu gehört auch, fehlende Fertigkeiten aufzubauen.
Ratgeber Autismus-Spektrum-Störungen. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher (M. Noterdaeme, K. Enders)
Ein ganz normaler Montag ... und andere Katastrophen. Mein Leben mit Autismus (D. Higashida u.a., Erfahrungsberichte). Informationen und Beratung bietet auch der Bundesverband autismus Deutschland e.V.: autismus.de
S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (AWMF 028-018)
Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (L. Poustka, I. Kamp-Becker)
Soziales Kompetenztraining für Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen (KONTAKT) (C. M. Freitag u.a.)