Was ist ARFID?
ARFID steht für Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder, auf Deutsch: vermeidend-restriktive Ernährungsstörung. Im ICD-11 ist sie eine eigenständige Diagnose. Betroffene essen extrem wenig oder extrem einseitig. Angst vor Gewichtszunahme spielt dabei keine Rolle, ebenso wenig Unzufriedenheit mit der eigenen Figur. Genau daran lässt sich ARFID von der Anorexia nervosa unterscheiden.
Man beobachtet drei typische Erscheinungsformen, die sich überlappen können:
- Sensorische Empfindlichkeit: Nahrungsmittel werden wegen Konsistenz, Geruch, Aussehen, Temperatur oder Marke abgelehnt. Übrig bleibt oft eine sehr kurze Liste "sicherer" Lebensmittel, etwa Nudeln ohne Soße, Pommes, Toast oder ein bestimmter Joghurt.
- Angst vor negativen Folgen des Essens: Nach einem Verschluck-, Würge- oder Erbrechenserlebnis wird Essen vermieden, weil Ersticken oder Erbrechen befürchtet wird. Hier gibt es Überschneidungen mit der Emetophobie.
- Geringes Interesse an Essen: Hunger und Appetit sind schwach ausgeprägt. Essen erscheint lästig, kleine Mengen sättigen scheinbar sofort.
Wann wird daraus eine Diagnose?
Wählerisches Essen ("Picky Eating") kommt im Kleinkindalter sehr häufig vor und geht meist von selbst vorbei. Von einer ARFID spricht man erst, wenn das Essverhalten deutliche Folgen hat. Mindestens eine davon muss vorliegen:
- Deutlicher Gewichtsverlust oder eine ausbleibende Gewichts- und Größenentwicklung.
- Nährstoffmängel, etwa bei Eisen oder Vitaminen.
- Abhängigkeit von Trinknahrung oder Nahrungsergänzung.
- Der Alltag ist deutlich beeinträchtigt. Das Kind kann nicht bei Freunden essen, Familienmahlzeiten eskalieren regelmäßig, Klassenfahrten werden vermieden.
Häufigkeit und Begleitstörungen
Schätzungen für das Kindes- und Jugendalter liegen bei etwa 1 bis 3 Prozent. Anders als bei den übrigen Essstörungen sind Jungen ähnlich häufig betroffen wie Mädchen, und der Beginn liegt oft schon im Kleinkind- oder Grundschulalter. Gehäuft tritt ARFID gemeinsam mit Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS und Angststörungen auf.
Verhaltenstherapeutisches Modell
Welcher Mechanismus im Vordergrund steht, hängt von der Erscheinungsform ab. Allen gemeinsam ist die Vermeidung:
- Bei sensorischer Empfindlichkeit lösen neue Lebensmittel Ekel und Anspannung aus. Wer sie meidet, fühlt sich sofort besser; die Vermeidung wird dadurch negativ verstärkt. Gewöhnung setzt dagegen wiederholten Kontakt voraus. Kinder brauchen oft 10 bis 15 Anläufe, bis ein neues Lebensmittel akzeptiert wird.
- Bei Angst nach einem Vorfall entspricht das Modell dem einer Phobie. Ein einmaliges Erlebnis wie Verschlucken hat Essen mit Gefahr verknüpft, und die Vermeidung konserviert die Angst.
- Auf Familienebene entstehen aus Sorge um das Kind Druck, Überredung und Kämpfe am Esstisch. Manche Familien gehen den umgekehrten Weg und bieten nur noch die sicheren Lebensmittel an. Beides hält das Problem aufrecht: Druck verknüpft Essen zusätzlich mit Stress, und das Ausweichmenü nimmt jeden Anreiz, etwas Neues zu probieren.
Darauf aufbauende Behandlung
- Somatische Abklärung zuerst: kinderärztliche Untersuchung mit Gewicht, Wachstum und Blutwerten, dazu der Ausschluss körperlicher Ursachen. Bei Bedarf kommen Ernährungsberatung und Logopädie (Schluckdiagnostik) hinzu.
- Psychoedukation und Entlastung: ARFID ist keine Erziehungsfolge und kein "Trotz". Der Druck am Esstisch wird beendet, damit Mahlzeiten wieder entspannter werden. Dabei hilft eine klare Aufgabenteilung: Eltern entscheiden, was angeboten wird; das Kind entscheidet, wie viel es davon isst.
- Gestufte Nahrungsmittelexposition: Neue Lebensmittel werden in kleinsten Schritten eingeführt, also ansehen, riechen, anfassen, ablecken, ein Mini-Stück probieren. Jeder Schritt wird verstärkt, etwa durch Lob oder Punktepläne. "Probieren" heißt dabei nie "Aufessen müssen". Auch die sicheren Lebensmittel werden systematisch variiert, mit einer anderen Marke oder einer anderen Form.
- Bei Angst-ARFID: Exposition wie bei einer Phobie, also gestufte Konfrontation mit den gefürchteten Empfindungen und Lebensmitteln. Sicherheitsverhalten wird abgebaut, zum Beispiel extremes Kleinschneiden oder Essen nur mit viel Flüssigkeit.
- Bei geringem Interesse: feste Essenszeiten, appetitfördernde Gestaltung und, in Absprache mit der Ernährungsberatung, kalorische Anreicherung.
Bücher und Ratgeber für Eltern
Mein Kind isst nicht. Ratgeber für Eltern von Kindern mit Fütter- und Essstörungen (M. Dunitz-Scheer, P. Scheer)
Food Chaining. Schritt für Schritt zu mehr Vielfalt beim Essen (C. Fraker u.a., englischsprachig). Das Buch beschreibt das Prinzip der kleinen Schritte von "sicheren" zu ähnlichen neuen Lebensmitteln.
Leitlinie
S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen (AWMF 051-026)
Fachliteratur für Psychotherapeut*innen
Cognitive-Behavioral Therapy for Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder (CBT-AR) (J. J. Thomas, K. T. Eddy)
Fütterstörungen und frühkindliche Essstörungen (M. von Hofacker u.a.), siehe auch frühkindliche Regulationsstörungen
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