Was ist ARFID?

ARFID steht für Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder, auf Deutsch: vermeidend-restriktive Ernährungsstörung. Im ICD-11 ist sie eine eigenständige Diagnose. Betroffene essen extrem wenig oder extrem einseitig. Angst vor Gewichtszunahme spielt dabei keine Rolle, ebenso wenig Unzufriedenheit mit der eigenen Figur. Genau daran lässt sich ARFID von der Anorexia nervosa unterscheiden.

Man beobachtet drei typische Erscheinungsformen, die sich überlappen können:

Wann wird daraus eine Diagnose?

Wählerisches Essen ("Picky Eating") kommt im Kleinkindalter sehr häufig vor und geht meist von selbst vorbei. Von einer ARFID spricht man erst, wenn das Essverhalten deutliche Folgen hat. Mindestens eine davon muss vorliegen:

Häufigkeit und Begleitstörungen

Schätzungen für das Kindes- und Jugendalter liegen bei etwa 1 bis 3 Prozent. Anders als bei den übrigen Essstörungen sind Jungen ähnlich häufig betroffen wie Mädchen, und der Beginn liegt oft schon im Kleinkind- oder Grundschulalter. Gehäuft tritt ARFID gemeinsam mit Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS und Angststörungen auf.

Verhaltenstherapeutisches Modell

Welcher Mechanismus im Vordergrund steht, hängt von der Erscheinungsform ab. Allen gemeinsam ist die Vermeidung:

Darauf aufbauende Behandlung

  1. Somatische Abklärung zuerst: kinderärztliche Untersuchung mit Gewicht, Wachstum und Blutwerten, dazu der Ausschluss körperlicher Ursachen. Bei Bedarf kommen Ernährungsberatung und Logopädie (Schluckdiagnostik) hinzu.
  2. Psychoedukation und Entlastung: ARFID ist keine Erziehungsfolge und kein "Trotz". Der Druck am Esstisch wird beendet, damit Mahlzeiten wieder entspannter werden. Dabei hilft eine klare Aufgabenteilung: Eltern entscheiden, was angeboten wird; das Kind entscheidet, wie viel es davon isst.
  3. Gestufte Nahrungsmittelexposition: Neue Lebensmittel werden in kleinsten Schritten eingeführt, also ansehen, riechen, anfassen, ablecken, ein Mini-Stück probieren. Jeder Schritt wird verstärkt, etwa durch Lob oder Punktepläne. "Probieren" heißt dabei nie "Aufessen müssen". Auch die sicheren Lebensmittel werden systematisch variiert, mit einer anderen Marke oder einer anderen Form.
  4. Bei Angst-ARFID: Exposition wie bei einer Phobie, also gestufte Konfrontation mit den gefürchteten Empfindungen und Lebensmitteln. Sicherheitsverhalten wird abgebaut, zum Beispiel extremes Kleinschneiden oder Essen nur mit viel Flüssigkeit.
  5. Bei geringem Interesse: feste Essenszeiten, appetitfördernde Gestaltung und, in Absprache mit der Ernährungsberatung, kalorische Anreicherung.

Bücher und Ratgeber für Eltern

Mein Kind isst nicht. Ratgeber für Eltern von Kindern mit Fütter- und Essstörungen (M. Dunitz-Scheer, P. Scheer)

Food Chaining. Schritt für Schritt zu mehr Vielfalt beim Essen (C. Fraker u.a., englischsprachig). Das Buch beschreibt das Prinzip der kleinen Schritte von "sicheren" zu ähnlichen neuen Lebensmitteln.

Leitlinie

S3-Leitlinie Diagnostik und Behandlung der Essstörungen (AWMF 051-026)

Fachliteratur für Psychotherapeut*innen

Cognitive-Behavioral Therapy for Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder (CBT-AR) (J. J. Thomas, K. T. Eddy)

Fütterstörungen und frühkindliche Essstörungen (M. von Hofacker u.a.), siehe auch frühkindliche Regulationsstörungen

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