Medikamentöse Behandlung

Ich bin kein Arzt und ich führe keine medikamentöse Behandlung durch. Als Psychotherapeut kenne ich aber die wissenschaftlichen medizinischen Leitlinien. Meine Behandlungsempfehlungen richten sich nach diesen Leitlinien.

 

Die meisten Eltern sind sehr skeptisch bis klar ablehnend eingestellt gegenüber einer medikamentösen Behandlung ihres Kindes oder Jugendlichen. Wenn dies in Fürsorge um das Kind begründet ist, ist dies anerkennenswert. Dennoch gibt es psychische Erkrankungen bei denen die Fürsorge darin besteht, sich über eine medikamentöse Behandlung durch einen Arzt informieren zu lassen. Als Beispiel ist die medikamentöse Therapie bei ADHS aufgeführt.


Pflicht durch die Berufsordnung

Psychotherapeuten haben Kollegen, Ärzte oder Angehörige anderer Heil- und Gesundheitsberufe nach Einwilligung des Patienten hinzuzuziehen, wenn weitere Informationen oder berufliche Kompetenzen erforderlich sind (§5 Abs. 7 Berufsordnung der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer)


Medikamentöse Therapie am Beispiel ADHS

Über das Thema ADHS und ADHS-Medikation gibt es im Internet eine unüberschaubare Zahl an Falschinformationen. Leider muss man davon ausgehen, dass auch Fachkräfte, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, oft nicht die erforderlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Thematik kennen.


"Angesichts dieser Ergebnisse verwundert es, dass selbst Experten allzu leichtfertig von einer medikamentösen Therapie abraten und so getan wird, als seien andere wirksamere Interventionen vorhanden. Das prinzipielle Nichtbeachten medikamentöser Interventionsmöglichkeiten ist nach den vorliegenden empirischen Befunden ein Kunstfehler, wenn alternative Therapien sich als nicht erfolgreich erweisen." - Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP) (Manfred Döpfner, Stephanie Schürmann, Jan Frölich; 6. Auflage; 2019; Programm PVU Psychologie Verlags Union, Verlagsgruppe Beltz


Die aktuelle Studienlage kann man so zusammenfassen: Vor allem Psychostimulanzien (darunter Methylphenidat und Dexamphetamin), Atomoxetin und Guanfacin gehören zu den Wirkstoffgruppen mit nachgewiesener Wirksamkeit. Zwischen 70% und 90% der Kinder (älter als vier Jahre) sprechen auf eine medikamentöse Behandlung positiv an. Die Nebenwirkungen sind in den meisten Fällen gering. Oft sind sie vorübergehend und zeigen sich nicht mehr bei Absetzen der Medikation. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören leichtere Durchschlafstörungen und eine Verminderung des Appetits. 

 

Die Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von ADHS sieht vor:

  1. Ein Behandlungsplan soll erstellt werden. Die Behandlung kann bestehen aus einer psychosozialen Hilfe (z.B. Psychotherapie), einer medikamentösen Therapie, ergänzenden Interventionen.
  2. Eine umfassende Psychoedukation ist notwendig.
  3. Bei unter 6jährigen, sollen primär verhaltenstherapeutische Methoden eingesetzt werden.
  4. Bei leichtem ADHS sollen primär verhaltenstherapeutische Methoden (z.B. Interventionen in der Familie und in der Schule) eingesetzt werden.
  5. Bei mittelschwerem ADHS sollen verhaltenstherapeutische Methoden (z.B. Interventionen in der Familie und in der Schule) eingesetzt werden oder eine Medikation oder eine Kombination aus beidem.
  6. Bei starkem ADHS soll primär eine Medikation angewendet werden. Diese kann ergänzt werden durch verhaltenstherapeutische Methoden (z.B. Interventionen in der Familie und in der Schule).