Transgender

Du bist als Mädchen geboren, aber fühlst dich als Junge? Oder: Du bist als Junge geboren, aber du fühlst dich als Mädchen? Menschen nutzen zur Beschreibung dieses Zustandes verschiedene Wörter wie Transsexualität, Transgender oder kurz gesagt: Trans. Es geht also um die Diskrepanz zwischen dem empfundenen Geschlecht und den körperlichen Geschlechtsmerkmalen. Diese Diskrepanz wird als Geschlechtsinkongruenz bezeichnet. 

 

Wenn bei Menschen mit Geschlechtsinkongruenz ein anhaltender Leidensdruck vorhanden ist aufgrund der Geschlechtsinkongruenz, spricht man von Geschlechtsdysphorie.

Unterscheidungen

Das Klassifikationssystem ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt unter der Überschrift Störungen der Geschlechtsidentität die Diagnose Transsexualismus. Das dort genannte Störungskonzept gilt als überholt.

 

Die WHO hat angekündigt, in der Revision des Klassifikationssystems, ICD-11, einige Änderungen vorzunehmen. Die Bezeichnung Transsexualismus soll ersetzt werden durch Gender Incongruence. Die Diagnose soll außerdem nicht mehr im Kapitel der psychischen Störungen aufgeführt werden, sondern in einem gesonderten Kapitel. 

 

Das amerikanische Klassifikationssystem DSM-5 kommt zu diesen Ansichten: Es ist nicht pathologisch, wenn die Geschlechtsidentität bzw. die Geschlechtsrolle abweicht von den körperlichen Geschlechtsmerkmalen. Eine Störung liegt nur vor, wenn sich aufgrund der Diskrepanz ein bedeutsamer Leidensdruck bzw. eine bedeutsame Beeinträchtigung des Lebens entwickelt. Dann wird von Gender Dysphoria als Diagnose gesprochen.

 

Wichtig ist auch die Unterscheidung zur sexuellen Orientierung. Die gröbste Einteilung in Kategorien der sexuellen Orientierung lautet heterosexuell, homosexuell und bisexuell. In Wirklichkeit gibt es eher eine Bandbreite sexueller Orientierungen anstelle eindeutiger Kategorien. Das Leiden an seiner eigenen sexuellen Orientierung kann nach ICD-10 als "ichdystonen Sexualorientierung" gesehen werden. Dabei muss auch überlegt werden, dass die Hetero-Normativität der Gesellschaft dazu beitragen kann, dass z.B. ein homosexuell orientierter Mensch seiner Homosexualität ablehnend gegenüber steht.

 

Wenn sich Heranwachsende und Jugendliche unsicher sind, ob sie sich im richtigen Körper erleben oder nicht, kann diese Unsicherheit hinsichtlich der Geschlechtsidentität und/oder der sexuellen Orientierung als "sexuelle Reifungskrise" im ICD-10-Klassifikationssystem bezeichnet werden.

Kontroverse

Es wird darüber berichtet, dass die Behandlungszahlen bezüglich Geschlechtsdysphorie deutlich gestiegen seien in den letzten Jahren. Dies werde international berichtet, aber auch von den Spezialambulanzen in Berlin, Hamburg-Eppendorf, Frankfurt am Main und München. Mediale Veröffentlichungen zur Frage, ob es sich bei der Geschlechtsidentitätsstörung um eine "Modediagnose" handelt gab es z.B. 2018 in der ÄrzteZeitung. Oftmals kommt Alexander Korte bei diesen Berichterstattungen zu Wort. Er ist Kinderpsychiater an der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München. Er äußerte sich z.B. kritisch zum Einsatz von Pubertätsblockern - eine Ansicht, welche nicht unwidersprochen bleibt, z.B. durch das Queer Referat an der Charité.

Quantitative Angaben

Es ist nicht einfach, Zahlen und Häufigkeiten zu benennen. Betrachtet man die Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten, zeigt sich eine Häufigkeit von 4 bis 5 Menschen von 100.000 Menschen bezüglich einer Geschlechtsdysphorie, zeigt einer Meta-Analyse.

 

Betrachtet man Bevölkerungsumfragen bezüglich Geschlechtinkongruenz, zeigen sich höhere Werte: 1,1% bzw. 0,8% der Befragten gaben dies in einer Onlinebefragung in den Niederlanden an. Das Bundesamt für Justiz veröffentlicht eine Statistik darüber, wie viele Menschen z.B. ihren Vornamen und die Geschlechtszugehörigkeit nach dem Transsexuellengesetz verändert haben. Im Jahr 2016 waren dies ca. 1900 Menschen, im Jahr 2018 waren es ca. 2100 Menschen.

Seine Rechte kennen

Durch das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz haben Menschen die Möglichkeit, sich gegen Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Identität zu wehren.

Behandlung

Transidente Menschen, die bei einer gesetzlichen Krankenversicherung versichert sind, haben einen Anspruch auf Behandlung der medizinischen und psychischen Faktoren. Einige trans Menschen suchen Ärzte oder Psychotherapeuten wegen dieser Themen auf:

  • Diagnostische Einschätzung
  • Unterstützung beim Coming-out
  • Unterstützung beim Wechsel der Geschlechterrolle
  • Hilfe beim Umgang mit Diskriminierung
  • Abwägen von körperverändernden Maßnahmen und Aufklärung über deren Vor- und Nachteile

Die World Professional Association for Transgender Health betont, dass es große individuelle Unterschiede geben kann bezüglich der Ausprägung der Geschlechtsinkongruenz und der Geschlechtsdysphorie. Das Ziel aller Maßnahmen soll sein, das Inkongruenzerleben und den Leidensdruck zu verringern.

 

Welche Behandlung sinnvoll ist, richtet sich einerseits nach den persönlichen Bedürfnissen des Behandlungssuchenden im Einzelfall und andererseits nach der evidenzbasierten Wirksamkeit der Behandlungsmaßnahmen. Beispielsweise wünscht nicht jeder trans Mensch eine körperliche Behandlung. Auch ist davon auszugehen, dass nicht ausschließlich körperbezogene Behandlungen die Lebensqualität und das Kongruenzerleben verbessern, sondern psychosoziale Faktoren ebenfalls einen bedeutsamen Einfluss darauf haben. Gleichzeitig ist es so, dass im Allgemeinen körperbezogene Behandlungen das Kongruenzgefühl verbessern können.

TRans & Krankenversicherung

Falls sich ein trans Mensch für körperverändernde Maßnahmen entscheidet, stellt sich die Frage nach der Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung. Das Bundessozialgericht hatte 1987 entschieden, dass die Krankenversicherung solche körperlichen Behandlungen nur bezahlen soll, wenn psychiatrische / psychotherapeutische Maßnahmen 'erfolglos' unternommen wurden. Der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) hat eine Begutachtungsanleitung erstellt. Für die Kostenübernahme geschlechtsangleichender Maßnahmen sind demnach u.a. diese Inhalte von Bedeutung:

  • Biographische Anamnese, speziell zur Geschlechtsidentität und zur psychosexuellen Entwicklung: Die Entwicklung vor, während und nach der Pubertät, Beziehungserfahrungen, der Verlauf der Geschlechtsdysphorie und Geschlechtsinkongruenz, Coming-out (innerlich und nach außen), Reaktionen der Umwelt auf das geschlechtsbezogene Verhalten, Selbstbezeichnungen
  • Soziale Anamnese: Aktuelle Wohnsituation, Schul- / Ausbildungs- oder Berufssituation, Partnerschaft, Familie.
  • Medizinische Anamnese: Vorerkrankungen
  • Psychischer Befund
  • Individueller Leidensdruck bezüglich der Störung der Geschlechtsidentität
  • Ist der Leidensdruck durch psychotherapeutische Maßnahmen beeinflussbar (z.B. ohne hormonelle oder operative Maßnahmen)? Denn: In der gesetzlichen Krankenversicherung haben psychiatrische / psychotherapeutische Maßnahmen Vorrang.
  • Andrologischer / urologischer bzw. gynäkologischer und endokrinologischer Befund
  • Gibt es begleitende psychische Störungen wie z.B. eine Depression? Ist diese reaktiv die Folge der Geschlechtsdysphorie / Geschlechtsinkongruenz oder gleichzeitig aufgetreten oder schon vor der Geschlechtsdysphorie / Geschlechtsinkongruenz?
  • Differentialdiagnostische Abklärung: Kann die Unzufriedenheit mit dem eigenen Geschlecht und der Wunsch, dem anderen Geschlecht anzugehören durch andere Bedingungen erklärt werden? In diesem Kontext ist eine psychische Störung abzuklären (z.B. akuter Substanzmissbrauch, eine psychotische Störung, eine umfassende Identitätsunsicherheit oder bestimmte Formen der dissoziativen Störung).
  • Lassen sich auslösende oder aufrechterhaltende Bedingungen für die Geschlechtsdysphorie finden?
  • Die Psychotherapie soll einen "Alltagstest" beinhalten: Trans Menschen sollen Alltagserfahrungen in der angestrebten Geschlechtsrolle machen. Die gemachten Erfahrungen sollen in der Psychotherapie reflektiert werden. Wichtig sei die Frage, ob die Erprobung der Geschlechtsidentität innerlich stimmig und konstant erlebt werde.
  • In der Psychotherapie sollen die Grenzen und Möglichkeiten von hormonellen und operativen Maßnahmen thematisiert werden.

Zeitkriterien im Regelfall:

  • Epilationsbehandlung und Hormonbehandlung: Erforderlich sind Psychotherapie und Alltagstest für mindestens 12 Monate
  • Brust-Aufbau durch Operation:  Erforderlich sind Psychotherapie und Alltagstest für mindestens 18 Monate bzw. mindestens 24 Monate Hormonbehandlung.
  • Entfernung von Brustgewebe (Masektomie): Erforderlich sind Psychotherapie und Alltagstest für mindestens 18 Monate bzw. mindestens 6 Monate Hormonbehandlung.
  • Genital-angleichende operative Maßnahmen: Erforderlich sind Psychotherapie und Alltagstest für mindestens 18 Monate bzw. mindestens 6 Monate Hormonbehandlung.

In den einzelnen Bundesländern gibt es teils Abweichungen von dieser allgemeinen "Begutachtungsanleitung" und auch in der AWMF-Leitlinie gibt es teils abweichende Empfehlungen.

Leitlinien

Medien

Das ist kein Spleen. Eine Reportage von Martin Spiewak in der ZEIT

Transsexualität - Transidentität: Begutachtung, Begleitung, Therapie (Udo Rauchfleisch)

 

Geschlechtsdysphorie, Transidentität und Transsexualität im Kindes- und Jugendalter (Wilhelm F. Preuss) 

Weiterführende Links

Hochschulambulanz für Sexualmedizon der Charité Berlin. Hier finden Sie einen Flyer

 

In Berlin gibt es die Beratungsstelle Queer Leben für →Inter* und →Trans* und queer lebende Menschen jeden Alters und ihre Eltern und Angehörigen.

 

Das Jugendnetzwerk Lambda bietet ein queeren Jugendhaus in Berlin für junge Lesben, Schwule, Bi-, Trans* und Inter* zwischen 14 und 27 Jahren.

 

Der Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie bietet Informationen auf www.vlsp.de 

 

Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität findet man auf www.dgti.org

 

Die Interessenvereinigung für Menschen mit Transidentität sowie Ihre Partner und Angehörigen Berlin & Brandenburg bietet in Berlin eine Selbsthilfegruppe Transidentität

 

Unterstützung besonders für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle und transgender Migrantinnen und Migranten bietet GLADT e.V.

 

Der Verein Trans-Kinder-Netz Trakine unterstützt Menschen, die mit dem Thema trans* bei Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

 

Der britische Gender Identify Development Service unterstützt Kinder, junge Menschen und ihre Familien bei Schwierigkeiten in der Entwicklung der Geschlechtsidentität.