Störung des Sozialverhaltens

WAS SIND SOZIALVERHALTENSSTÖRUNGEN?

Störungen des Sozialverhaltens zeigen sich durch ein durchgängiges Muster oppositionellen, aggressiven und dissozialen Verhaltens. Sozialverhaltensstörungen können unterschieden werden in zwei Formen:

  • Oppositionell-aggressives Verhalten: Der Jugendliche / das Kind wird schnell wütend, ist häufig reizbar, häufig verärgert, streitet sich häufig mit Erwachsenen, widersetzt sich den Aufforderungen...
  • Dissozial-aggressives Verhalten: Der Jugendliche / das Kind bedroht andere, beginnt oft Schlägereien, nutzt gefährliche Waffen, zerstört absichtlich das Eigentum von anderen, bricht in Gebäude ein, begeht Diebstahl, schwänzt die Schule etc.

EINLEITUNG

Störungen des Sozialverhalten nehmen oft einen problematischen Verlauf. Besonders wenn die Störung schon früh im Leben des Kindes auftritt, bleibt das aggressive Verhalten oft stabil im Verlauf der weiteren Entwicklung. Wenn gleichzeitig ADHS vorhanden ist, steigt die Wahrscheinlichkeit für anhaltendes aggressives und dissoziales Verhalten deutlich.

 

Es kommt vermehrt zu schulischem Misserfolg, Schulabbrüchen, Substanzmissbrauch, Straftaten sowie gesundheitlichen Problemen. Auch Freundschaften zu Gleichaltrigen, die keine Sozialverhaltensprobleme haben, sind weniger häufig bei Betroffenen.

Verursachung

Ein erhöhtes Risiko, eine Sozialverhaltensstörung zu entwickeln haben Kinder mit diesen Risikofaktoren: Misshandlungs- oder Gewalterfahrungen, wenn die Eltern delinquentes oder antisoziales Verhalten zeigen, wenn es andauernde Konflikte in der Familie gibt, wenn die Familie sozioökonomisch benachteiligt ist.

 

Die Entstehung von Sozialverhaltensstörungen ist immer multifaktoriell. Zu denken ist dabei an familiäre, psychische, genetische und neurobiologische Faktoren. Hier ein paar Beispiele:

  • Faktoren vor und bei der Geburt:  Nikotin- oder Alkoholkonsum, Stressbelastungen in der Schwangerschaft, ein geringes Geburtsgewicht, Frühgeburten erhöhen die Auftretenswahrscheinlichkeit von Sozialverhaltensstörungen.

  • Faktoren nach der Geburt: Eine negative Atmosphäre in der Familie und dadurch ungünstige Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit wirken sich negativ aus. Das ist vor allem der Fall, wenn die Eltern-Kind-Interaktion durch negative Gefühle wie Ärger geprägt ist. Ein Risikofaktor besteht auch, wenn die Eltern auf das Kind in einer unbeständigen Weise (inkonsistent) reagieren und wenig feinfühlig im Umgang mit dem Kind sind.

  • Psychosoziale Faktoren: Misshandlungs- und Gewalterfahrungen des Kindes, Vernachlässigung, Trennungen, psychische Erkrankungen der Eltern, geringes Einkommen und schlechte Wohnverhältnisse. Eine große Rolle spielen unpassende Erziehungsmethoden und häufige Konflikte der Eltern. Durch diese Belastungen ist es für das Kind erschwert, von seinen Eltern Strategien zur Emotions-Regulation zu erlernen.
  • Kindern mit Sozialverhaltensstörungen haben oft Defizite im Bereich der Verhaltenssteuerung (exekutive Funktionen). Sie haben Probleme, ihr Verhalten vorauszuplanen und an die Umstände anzupassen. Hinzu kommen oft Probleme im Bereich der Informationsverarbeitung: Das Verhalten anderer Menschen wird vermehrt als provozierend oder feindselig interpretiert. Die Problematik von Jugendlichen mit einer Störung des Sozialverhaltens wird oft vergrößert, indem sie sich anderen Jugendlichen anschließen, welche dieselben Verhaltensweisen zeigen.

Behandlung

Eine Störung des Sozialverhaltens ist eine psychische Störung, welche oft das Zusammenarbeiten mehrere Fachdisziplinen erforderlich macht: Psychotherapeuten, Psychiater, Lehrer, Erzieher und Sozialpädagogen der Jugendhilfe. Maßnahmen können beim Kind selbst ansetzen, bei den Eltern, Erziehern, Lehrern und bei Gleichaltrigen. Das Vorgehen besteht aus drei Bereichen:

  1. Vermittlung von Wissen (Psychoedukation) über die Verursachung und Beeinflussung von Sozialverhaltensstörungen. 
  2. Herausarbeiten von Zielen und den Wegen zu diesen Zielen.
  3. Erlernen und Üben von neuen Verhaltensweisen.

In den meisten Fällen ist es nötig, dass sich die Bezugspersonen (Eltern, Lehrer etc.) anders gegenüber dem Kind verhalten als bisher, neue Erziehungsfertigkeiten erlernen und vor allem die Beziehungsqualität zum Kind / Jugendlichen verbessern. Da antisoziales Verhalten von Kindern mitverursacht wird durch inkonsistentes und bestrafendes Erziehungsverhalten, mangelnde Wärme, geringe Wahrnehmung für angemessenes Verhalten des Kindes, muss hier angesetzt werden, wenn eine Reduktion der Sozialverhaltensstörung des Kindes erreicht werden soll.

 

Für Eltern gilt als wichtigstes Ziel, positive Erlebnisse zu schaffen im Umgang mit dem Kind, sodass sie eine angenehme Zeit mit dem Kind verbringen. Als nächstes ist es wichtig, dass die Eltern auf angemessenes Verhalten des Kindes reagieren, indem sie es dafür anerkennen oder loben. Weitere Behandlungsbausteine der Therapieprogramme THOP und Triple P sind hier dargestellt.

 

Um Konflikte ohne Gewalt zu lösen, müssen Kinder und Jugendliche soziale Kompetenzen erlernen. Um das zu erreichen, lernen sie alternative Verhaltensweisen. Auch ein Problemlösetraining kann hilfreich sein, um herauszuarbeiten, welche verschiedenen Möglichkeiten es gibt, in einer Problemsituation zu reagieren. Betroffene Kinder und Jugendliche müssen ihren Umgang mit Gefühlen verbessern um mehr Affektkontrolle und Impulskontrolle zu erreichen. Das Ziel hierbei ist es also, Emotionsregulation zu erlernen. Therapiemethoden, die zum Einsatz kommen können: Kognitive Therapie zur Veränderung von Denkinhalten, Selbstinstruktions-Training, Entspannungsverfahren, Rollenspiele sowie Selbstbeobachtung im Alltag (z.B. anhand von Arbeitsblättern).

 

Therapieansätze, die einen sehr guten Wirksamkeitsnachweis in Studien erbracht haben:

  • Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten (THOP): Für Kinder im Alter von ca. 3 bis 12 Jahren. 
  • Präventionsprogramm für Expansives Problemverhalten (PEP): Für Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren.
  • Trainermanual für das Triple P Einzeltraining / Tripple P Gruppenprogramm / Teen Triple P Gruppenprogramm

Was Lehrer tun können

Die wissenschaftliche Leitlinie fordert, dass Lehrer und Erzieher geschult werden im Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit Sozialverhaltensstörungen. Lehrer und Erzieher sollen zum einen die Verursachung von Sozialverhaltensstörungen verstehen. Zum anderen sollen sie ein Verständnis für die Beeinflussung der Störung entwickeln. Für sie werden grundsätzlich dieselben Ansatzpunkte empfohlen, die auch Eltern empfohlen werden. Dazu zählen wie o.g. die Verbesserung der Interaktion mit dem Kind / Jugendlichen, das Anerkennen positiven Verhaltens und konsistentes Reagieren auf oppositionelles, aggressives oder dissoziales Verhalten.

Andere Hilfen

Wichtig ist, zu besprechen, ob Eltern in der Lage sind, psychotherapeutische Maßnahmen zur Verbesserung der Eltern-Kind Interaktion umzusetzen. Dies kann zum Beispiel durch die psychische Störung eines Elternteils erschwert sein. Manche Eltern schaffen es nicht oder wollen es nicht, ihre negativen, ablehnenden Gefühle ihren Kindern gegenüber zu verändern. Wenn deshalb eine Besserung der Sozialverhaltensstörung nicht möglich ist, sollten ambulante, teilstationäre oder stationäre Maßnahmen der Jugendhilfe genutzt werden. Dazu zählt beispielsweise die Familienhilfe. Gibt es Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung wird mit dem Kind / Jugendlichen und den Eltern dies erörtert entsprechend dem Gesetz zur Kooperation und Information im Kindesschutz.

Medikation

Falls eine Sozialverhaltensstörung in Kombination mit ADHS auftritt, ist zu erörtern, ob eine Medikation bezüglich ADHS hilfreich ist. Die Medikation kann auch dazu führen, dass die oppositionelle bzw. aggressive Symptomatik sich bessert. Hierbei infrage kommen vor allem Stimulanzien (Methylphenidat, Amfetaminpräparate). Falls zusätzlich impulsives aggressives Verhalten auftritt in schwerwiegender Weise und die vorgenannte Behandlung nicht ausreichend wirksam ist, kann auch eine Medikation mit einem atypischen Neuroleptikum (z.B. Risperidon) erwogen werden.

 

Falls eine alleinige Sozialverhaltensstörung ohne ADHS vorliegt, soll im Normalfall keine Pharmakotherapie durchgeführt werden. Nur wenn die Psychotherapie erfolglos ist und massive Aggressivität weiter besteht, sollte eine medikamentöse Behandlung erwogen werden, jedoch nicht als Dauermedikation. Wirksamkeitsnachweise gibt es für Risperidon. Weitere Informationen und Aufklärung über die Wirkungen und Nebenwirkungen, Nutzen und Risiken erhalten Kinder, Jugendliche und Eltern bei einem Spezialisten für die medikamentöse Behandlung von Verhaltensstörungen im Kindes- und Jugendalter (z.B. von Kinder- und Jugendpsychiatern).

Materialien

Ratgeber aggressives und oppositionelles Verhalten bei Kindern: Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher (F. Petermann, M. Döpfner, A. Görtz-Dorten)

 

The Incredible Years. A Trouble-Shooting Guide for Parents of Children Aged 2-8 Years (C. Webster-Stratton)

 

Wege aus der Brüllfalle (Wilfried Brüning)

Leitlinien

AWMF-Leitlinie: Störungen des Sozialverhaltens

 

NICE-Leitlinie: Antisocial behaviour and conduct disorders in children and young people