Psychoonkologie

Krebs gehört zu den häufigsten Erkrankungen in Deutschland. Eine Krebserkrankung und ihre Behandlung kann zu einer Vielzahl von körperlichen, psychischen und sozialen Problemen. Beispielsweise kann es zu Problemen am Arbeitsplatz kommen; zu sozialer Isolation; für viele Erkrankte wird das Gefühl von Vollständigkeit und Integrität des Körpers als eine intakte Krankheit bedroht (Zimmermann 2021), was wiederum zu Problemen in der Sexualität führen kann.

 

Etwa die Hälfte aller Krebspatient*innen fühlt sich subjektiv psychisch sehr belastet (sogenannter Distress). "Die Auseinandersetzung mit einer Krebserkrankung geht mit starken Gefühlen einher, wie existenzieller Verunsicherung, Ohnmacht, dem Gefühl des Ausgeliefertseins und des Kontrollverlustes" (Weis et al. 2021).

 

Das Ziel der Psychoonkologie ist es, bei Erkrankten und ihre Angehörigen die psychische Belastung zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern. Um Missverständnisse auszuräumen: Persönlichkeitsmerkmale tragen nicht zur Entstehung von Krebs bei (Bergelt 2016. In: Mehnert & Koch 2016).


Krankheitsbewältigung & Krankheitsverarbeitung

Eine psychoonkologische Behandlung zielt vor allem auf die Erhaltung oder Wiederherstellung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. "Krankheitsverarbeitung ist die Gesamtheit der Prozesse, um bestehende oder erwartete Belastungen im Zusammenhang mit einer Krankheit emotional, kognitiv oder aktional aufzufangen, auszugleichen und zu meistern", berichten Lazarus und Folkmann. Von ihnen stammt das am weitesten verbreitete Modell zur Krankheitsverarbeitung: Es wird Transaktionsmodell genannt.


Beispiel für die Inhalte einer psychoonkologischer Behandlung

Bei einer Krebserkrankung kann eine psychoonkologische Behandlung zum Beispiel diese speziellen Belastungen bearbeiten:

 

Progredienzangst: Dies ist die Angst vor dem Fortschreiten oder dem Wiederauftreten der Krebserkrankung mit allen negativen Folgen. Sie kann eine der größten Belastungen darstellen. Ziel von therapeutischen Maßnahmen ist nicht das Abschalten der Angst, sondern die Nutzung der Angst als Handlungsmotivation zur Selbstfürsorge. Patient*innen können Strategien und Methoden lernen, die helfen, mit der Angst umzugehen.

 

Tumorassoziierte Fatigue (Cancer-related Fatigue): Darunter versteht man körperliche, emotionale / seelische Erschöpfung mit fehlendem Antrieb, anhaltender Müdigkeit, Kraftlosigkeit etc. Die Krebserkrankung an sich, die Behandlungen (wie Chemotherapie, Bestrahlung) und weitere Faktoren können Fatigue auslösen. 

 

Schmerzen: Bei einer größeren Zahl an Krebserkrankten treten Schmerzen auf. Etwa ein Drittel der Patient*innen hat keine erheblichen Schmerzen im Verlauf der Erkrankung. Es ist nicht sinnvoll, Schmerzen so lange wie möglich auszuhalten, denn dies fördert die Chronifizierung von Schmerzen. Besser ist es, seine Ärzt*innen auf eine Schmerzbehandlung anzusprechen. Eine Schmerzlinderung ist durch eine moderne Schmerztherapie möglich

Die Mitarbeit von Patient*innen bei der Diagnostik und Therapie ist sehr wichtig. Für das Gespräch mit den Behandler*innen ist es hilfreich, ein Schmerztagebuch zu führen (auch möglich als schmerzApp).

 

Parallel zur ärztlichen Behandlung kann die Psychoonkologie Betroffene im Umgang mit Schmerzen unterstützen. Dazu gehört z.B. die Wissensvermittlung über die Definition von Schmerz ("Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder möglicher Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird"), seine Funktion (Warnsignal bei akuten Schmerzen), die verschiedenen Ebenen (Schmerzreiz, Schmerzwahrnehmung, Schmerzverhalten etc.), die Wirkweise verschiedener Arzneimittelgruppen in der medikamentösen Schmerztherapie. Lernen kann man auch, dass bestimmte Denk- und Verhaltensweisen hilfreich bzw. nicht hilfreich sind im Umgang mit Schmerz.


Psychoedukation

Die S3-Leitlinie für psychologische Diagnostik, Beratung und Behandlung erwachsener Krebspatienten empfiehlt Psychoedukation als eine der wirksamen Maßnahmen zur Unterstützung von Krebspatient*innen.

 

Konkrete Hinweise und strukturierte Hilfestellungen für Patient*innen bietet z.B. das Therapiemanual Psychoedukative Interventionen mit Krebspatienten. Es besteht aus acht Sitzungen zu jeweils 120min für das Gruppensetting, es ist aber auch im Einzelsetting nutzbar. Schwerpunktmäßig richtet es sich an Patient*innen, die nicht mehr in einer akuten medizinischen Behandlung sind, sondern die primäre Behandlung bereits abgeschlossen haben. Ein kurzer Überblick:

  1. Gesundheitsförderung bei Krebs
  2. Krankheit und Stress
  3. Krankheitsverarbeitung und Gesundheitskompetenz
  4. Subjektive Bedürfnisse, personale Ressourcen
  5. Umgang mit belastenden Gefühlen
  6. Kontakt zu nahestehenden Personen
  7. Gespräche mit Ärzt*innen / anderen professionellen Helfer*innen
  8. Belastungen / Bewältigung in Beruf und Arbeit

Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT)

Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) ist ein erlebnisorientierter psychotherapeutischer Ansatz. Er gilt als Weiterentwicklung der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Sie ist Teil der sogenannten "dritten Welle" der Verhaltenstherapie (nach der behavioralen Phase, der kognitiv-behaviorale Phase) aufgrund der zunehmenden Berücksichtigung von Achtsamkeit und Akzeptanz. Hierbei geht es mehr um die Akzeptanz negativer Gedanken und Gefühle anstelle deren Veränderung.

 

ACT kombiniert KVT-Strategien mit achtsamkeitsbasierten Techniken und Vorgehensweise der Hypnotherapie (z.B. Metaphern). Wichtig ist zudem die Klärung von Werten und Lebenszielen. ACT hat das "Ziel, trotz Leid und aufkommenden belastenden Gedanken und Gefühlen adaptiv und sinnerfüllt handeln zu können - denn das gute Leben beginnt nicht erst dann, wenn alle Probleme gelöst sind" (Alder 2020).

 

ACT fokussiert unter anderem darauf, nicht-hilfreiche Kontrollversuche bzw. Vermeidungsverhalten abzubauen und stattdessen einen akzeptierenden Umgang mit sich selbst zu lernen.

Psychoonkologische Diagnostik

Bei allen Krebserkrankten sollen die psychische und soziale Belastung erfasst werden - so früh wie möglich und nicht nur einmalig, sondern fortlaufend. Dazu sollen Fragebögen (Screeningverfahren) eingesetzt werden, besagt die Leitlinie. Zu den Fragebögen gehören z.B. die Hospital Anxiety and Depression Scale (HADS-D) und das Distress-Thermometer. 

 

In einem Gespräch geht es um Fragen wie:

  • Wie belastet haben Sie sich in der vergangenen Woche gefühlt? 
  • Wie stark fühlten Sie sich durch Nervosität, Ängstlichkeit oder Anspannung beeinträchtigt?
  • Wie stark fühlten Sie sich durch Niedergeschlagenheit / Depressivität beeinträchtigt?

Zusätzlich soll der individuelle Unterstützungswunsch erfragt werden.

 

Für spezifische Aspekte wie z.B. die Progredienzangst wurden ebenfalls Fragebögen entwickelt, z.B. der 12 Items umfassende Progredienzangst-Fragebogen – Kurzform (PA-F-KF) von Herschbach und Heußner.


Psychotherapie

Es stellt eine normale Reaktion dar, Belastungen zu erleben, nachdem eine Krebsdiagnose mitgeteilt wurde. Dabei können "Symptome" auftreten wie sie bei Angststörungen und Depressionen bekannt sind (Antriebslosigkeit, Ängste, Sorgen etc.). Jedoch tritt nicht bei allen Krebserkrankten eine zusätzliche manifeste psychische Erkrankung auf.

 

Im Rahmen der Krankenversicherung in Deutschland ist eine Psychotherapie möglich, wenn eine psychische Erkrankung vorliegt. Bei einem Verdacht auf eine psychische Erkrankung können sich Betroffene an Psychotherapeut*innen wenden. Im Rahmen der psychotherapeutischen Sprechstunde kann eine Diagnostik erfolgen.


Beratung und Information

Deutsche Krebshilfe krebshilfe.de: Bietet unter anderem kostenfreie Broschüren (zu verschiedenen Krebsarten, Schmerzen bei Krebs, Hilfen für Angehörige, einen Wegweiser zu Sozialleistungen). Das Infonetz Krebs steht telefonisch für die persönliche Beratung zur Verfügung.

 

Krebsinformationsdienst krebsinformationsdienst.de: Bietet vielfältige Informationen wie eine Suchfunktion für Krebsberatungsstellen, Wissenswertes zur Reha nach Krebs usw.


Krebsgesellschaft krebsgesellschaft.de: Bietet als wissenschaftlich-onkologische Fachgesellschaft die neusten Informationen zum Thema Krebs.

 

Haus der Krebsselbsthilfe hausderkrebsselbsthilfe: Der Verband mehrerer Hilfsorganisationen.

 

Deutsche Fatigue Gesellschaft deutsche-fatigue-gesellschaft.de: Bietet Infomaterial und Hilfestellung zur tumorbedingten Fatigue.

 

Junge Erwachsene mit Krebs junge-erwachsene-mit-krebs.de: Die Eine Stiftung richtet sich speziell an junge Erwachsene.

 

Kinderkrebsinfo kinderkrebsinfo.de: Informationen der Kinderheilkunde.


Kinder krebskranker Eltern

Bayerische Krebsgesellschaft e.V. bayerische-krebsgesellschaft.de: Wenn Eltern an Krebs erkrankt sind, sind sie oft unsicher, ob bzw. wie sie ihre Kinder informieren sollen. Für Kinder ist es aber wichtig, zeitnah informiert zu werden. An Eltern richtet sich diese Broschüre: Was Kindern und Jugendlichen hilft, wenn Eltern an Krebs erkranken

 

Flüsterpost e.V. kinder-krebskranker-eltern.de

 

Krebsgesellschaft.deWas Kindern krebskranker Eltern hilft

 

Berliner Krebsgesellschaft e.V.: Beratung von Kindern erkrankter Eltern

 

Familienbegleitdienst der Maltester Berlin malteser-berlin.de

 

Wie ist das mit dem Krebs? Ein Kinderbuch über die Krankheit Krebs für Kinder ab 6 Jahren und ihre Familien. Von Sarah R. Herlofsen, Dagmar Geisler (2018).


Patientenleitlinien


Leitlinien für Behandler*innen


Fachliteratur

Schulz-Kindermann, F. (2021): Psychoonkologie. Grundlagen und psychotherapeutische Praxis

 

Mehnert, A. & Koch, U. (Hrsg.) (2016): Handbuch Psychoonkologie

 

Diegelmann, C., Isermann, M., Zimmermann, T. (2020): Therapie-Tools Psychoonkologie

 

Waadt, S., Duran, G., Berg, P., Herschbach, P. (2018): Progredienzangst. Manual zur Behandlung von Zukunftsängsten bei chronisch Kranken

 

Weis, J., Heckl, U. & Seuthe-Witz, S. (2021):  Psychoedukative Interventionen mit Krebspatienten. Das Therapiemanual

 

Romer, G., Bergelt, C., Möller, B. (2014): Kinder krebskranker Eltern. Manual zur kindzentrierten Familienberatung nach dem COSIP-Konzept

 

Egle et al. (2020): Psychosomatik - neurobiologisch fundiert und evidenzbasiert

 

Alder, J. (2020) : ACT in der Psychoonkologie. Ein Praxisleitfaden

 

Hinds, P.S., Schum, L., Baker, J.N. & Wolfe, J. (2005): Key factors affecting dying children and their families


Links

Deutsche Schmerzgesellschaft e.V schmerzgesellschaft.de

 

Screeningverfahren in der Psychoonkologie | DAPO - Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie

 

Buchvorstellungen, dapo-ev.de | DAPO - Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Psychosoziale Onkologie