Wie entstehen psychische Störungen?

Allgemein geht man von einem bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell aus, also von einer multifaktoriellen Verursachung psychischer Störungen. Biologische, psychische und soziale Faktoren beeinflussen sich in einem dynamischen Wechselwirkungsverhältnis gegenseitig. Für einzelne psychische Störungen wurden spezielle störungsspezifische Erklärungsmodelle entwickelt. Nachfolgend aufgeführt ist ein störungsübergreifendes Entstehungsmodell.

Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Der Name dieses Modell beschreibt, dass zwei wichtige Faktoren zusammenkommen müssen für die Entstehung psychischer Störungen:

  • Eine Vulnerabilität ist eine Verwundbarkeit für Krankheiten, welche im Laufe des Lebens erworben wurde. Dies kann geschehen sein durch ungünstige Interaktionen in der (frühen) Kindheit, z.B. durch Vernachlässigung. Zur Vulnerabilität zählen auch pränatale und perinatale Faktoren, also Komplikationen in der Schwangerschaft und beim Geburtsverlauf.

    Eine Disposition ist eine Anlage für die Entstehung von Krankheiten (bzw. für eine bestimmte Krankheit --> Diathese) durch ererbte genetische Prozesse.

  • Stressoren sind kritische Lebensereignisse, die eine psychische Erkrankung auslösen können.

Wenn die Belastungen zu groß sind und schützende Faktoren zu gering, kommt es zum Krankheitsausbruch.

Entwicklungspsychopathologie

Die Entwicklungspsychopathologie ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Entstehung und dem Verlauf von psychischer Störungen befasst. Ziel ist es, Risiko- und Schutzfaktoren im Entwicklungsprozess zu identifizieren. Auch hier kennt man sowohl unspezifische Risiko- und Schutzfaktoren als auch Risiko- und Schutzfaktoren bei der Verursachung bestimmter psychischer Störungen. Bspw. liegen umfangreiche Erkenntnisse zur Verursachung von aggressivem Verhalten im Kindesalter vor.

 

 

Die Erkenntnisse über Faktoren, die eine psychische Störung verursachen, haben große Bedeutung für die Durchführung einer Psychotherapie. Denn es stellt sich immer die Frage, welche Faktoren durch eine Psychotherapie veränderbar sind. Man geht z.B. bei ADHS davon aus, dass biologische Faktoren den Hauptfaktor bei der Verursachung ausmachen (dass aber psychosoziale Faktoren die Ausprägung der Symptomatik beeinflussen).

Unspezifische Risikofaktoren

Vereinfacht gesagt kann man von einem Risikofaktor sprechen wenn es einen statistisch bedeutsamen Zusammenhang zwischen dem Faktor und einer psychischen Störung gibt. Ist ein Risikofaktor vorhanden, steigt die Wahrscheinlichkeit für die Ausbildung einer psychischen Störung.

 

 

  1. Biologische Risikofaktoren

    Genetische Disposition, Schwangerschaftskomplikationen, Geburtskomplikationen, Hirnschädigung.

  2. Psychosoziale Risikofaktoren

    Familiäre Risikofaktoren:

    • Frühe Elternschaft
    • Psychische Störung der Eltern
    • Chronische Auseinandersetzungen
    • Verlust von Bezugspersonen

    Interaktionelle Risikofaktoren:

    • Chronischer Streit zwischen den Eltern
    • Dysfunktionale Kommunikationsmuster
    • Gestörtes Bindungsverhalten
    • Schwieriges Temperament des Kindes
    • Rigides, autoritäres Erziehungsverhalten
    • Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch
    • Konflikte in den Beziehungen zu Freunden


    Soziale Risikofaktoren:

    • Geringer sozioökonomischer Status (niedriger Schulabschluss, niedriges Einkommen, wenig Geldmittel, wenig Teilhabe an kulturellen Aktivitäten, benachteiligter Wohnort etc.)
    • Widrige Lebensumstände