Depression

Symptomatik

Die Symptome der Depression sind in der internationalen Klassifikation (ICD-10) aufgeführt: Depressive Stimmung; Verlust des Interesses oder der Freude an Aktivitäten, die normalerweise angenehm waren; verminderter Antrieb oder erhöhte Ermüdbarkeit; Verlust des Selbstvertrauens / des Selbstwertgefühls; unbegründete Selbstvorwürfe oder unangemessene Schuldgefühle; wiederkehrende Gedanken an den Tod oder an Suizid; vermindertes Denkvermögen oder Konzentrationsstörungen und Unschlüssigkeit; Ruhelosigkeit und Gefühl des Getriebenseins oder Bewegungsarmut; Schlafstörungen; Appetitverlust oder gesteigerter Appetit und damit Gewichtsveränderung. 

 

Zum Vergleich: Die Symptome einer Major Depressive Disorder nach dem US-amerikanischen DSM-5 sind: Depressed mood (In children and adolescents, can be irritable mood); Diminished interest or pleasure; Weight loss; Insomnia or hypersomnia; Psychomotor agitation or retardation, Fatigue; Feelings of worthlessness; Diminished ability to think or concentrate; Reccurrent thoughts of death / suicidal ideation.

Häufigkeit

Das Lebenszeitrisiko (= die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens mindestens einmal zu erkranken) liegt bei 12 bis 16% bei Männern und bei 20 bis 26% bei Frauen.

Verhaltenstherapeutische Modelle

Verursachung: Durch operante Konditionierung

Die Verstärker-Verlust-Theorie geht auf Peter M. Lewinsohn zurück, der sie veröffentlichte unter dem Namen "A behavioral Approach to Depression". Er betrachtet die Depression als Folge von Verhaltensweisen eines Menschen. Um das Modell zu verstehen, muss man wissen, wie die operante Konditionierung funktioniert.

 

Das Modell besagt: Eine Depression kann ausgelöst und aufrechterhalten werden, wenn das Verhalten einer Person nicht ausreichend positiv verstärkt wird. Einfacher formuliert: Ein Mangel an angenehmen Erfahrungen und ein Überwiegen belastender Erfahrungen löst depressives Verhalten wie z.B. sozialen Rückzug aus. Das Sich-Zurückziehen wird negativ verstärkt. Wer sich zurückzieht hat wiederum weniger Möglichkeiten, angenehme Erfahrungen zu machen.

Behandlung: Mit operante Methoden

Aus dem dargestellten Problemmodell lässt sich ableiten, dass es hilfreich ist, mehr angenehme Aktivitäten durchzuführen. Ein höheres Aktivitätsniveau erhöht die Chancen, positive Verstärker zu erleben. Es verringern sich passive Verhaltensweisen (z.B. Grübeln), welche nicht mit positiver Verstärkung verbunden sind.

 

Ein weiteres Ziel besteht im Aufbau sozialer Kompetenzen. Depressive Patienten lernen, sich in sozialen Situationen so zu verhalten, dass die Interaktion von ihnen und anderen als angenehm erlebt wird.


Verursachung: Durch Gedanken

Das Modell der dysfunktionalen Kognitionen (Gedanken) und Schemata wurde von Aaron T. Beck entwickelt. Es besagt: Bei depressiven Patienten finden kognitive Verzerrungen (cognitive distortions) oder kognitive Fehler (cognitive errors) im Denken statt:

  1. Dichotomes Denken: Das Denken findet in Schwarz-Weiß-Kategorien statt ("Schule ist scheiße").
  2. Katastrophisieren: Es wird vom schlimmsten möglichen Ausgang ausgegangen ("Meine Kopfschmerzen kommen von einem Gehirntumor"). Oder die negativen Konsequenzen eines Ereignisses werden überbewertet ("Wenn ich keinen guten Schulabschluss habe, werde ich auf der Straße landen").
  3. Personalisieren: Man denkt, dass man ausschließlich selbst Schuld hat an einem negativen Ereignis ("Es ist meine Schuld, dass meine Eltern streiten")
  4. Willkürliches Schlussfolgern: Man zieht eine Schlussfolgerung ohne dass es einen Beweis dafür gibt ("Ich werde das niemals schaffen!")
  5. Übergeneralisierung: Man macht einzelne Erfahrungen, die als allgemeingültig bewertet werden (nach einem Streit mit einem Freund: "Wir werden für immer verfeindet sein").
  6. Selektive Verallgemeinerung: Obwohl es sowohl Pro- als auch Contra-Argumente gibt, wird ausschließlich einseitig bewertet (in der Schule wird man von einigen Personen freundlich behandelt, von anderen unfreundlich, aber der Gedanke ist: "Alle sind gegen mich")
  7. Maximieren oder Minimieren: Die Bedeutung eines Ereignisses wird überbewertet oder unterbewertet (Beispiel für das Maximieren: "Wenn meine Mutter mich nicht anruft, hat sie bestimmt einen Unfall gehabt").
  8. Emotionale Beweisführung: Ein Gefühl wird als Beweis für die Richtigkeit eines Gedankens herangezogen - so als ob eine Tatsache vorliegen würde („Ich fühle mich dick - natürlich bin ich dann auch dick, sonst würde ich das doch nicht fühlen"; "Meine Eifersucht ist ein Beweis dafür, dass mein Partner mir fremdgeht, sonst hätte ich dieses Gefühl nicht")
  9. Etikettierung: Es wird eine umfassende Bewertung über die gesamte Person aufgestellt ("Ich bin ein Versager"; "Ich bin ein Mensch, der...")
  10. Gedankenlesen: Die Überzeugung, zu wissen, was jemand anderes denkt ("Jetzt denken alle, ich bin dumm"; "Der guckt so komisch, der mag mich bestimmt nicht").
  11. Selektive Aufmerksamkeit: In einem Tunnelblick werden nur bestimmte Teile des eigenen Lebens betrachtet und andere Teile ignoriert ("Wenn ich die Klausur nicht schaffe, ist mein Leben am Ende")

 

Dieses einseitige Denken wird ausgelöst durch negative Ereignisse im Leben von Personen. Es liegt an zwei Gründen, warum diese unrealistischen Gedanken bei vielen Patienten beharrlich sind und nicht ganz leicht wieder weg gehen:

 

Zum einen laufen diese Gedanken weitgehend automatisiert ab, oftmals werden sie von Betroffenen gar nicht bemerkt, sie passieren meistens unbewusst.

 

Zum anderen sind diese Gedanken, die in konkreten Situationen auftreten, verbunden mit weiteren Gedanken: Sie beruhen auf allgemeineren Grundannahmen, die eine Person zu einer früheren Zeit seines Lebens ausgebildet hat.

© Dmitry – stock.adobe.com
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Behandlung: Kognitive Therapie

Da eine Depression durch Gedanken (Kognitionen) verursacht wird, besteht eine hilfreiche Behandlung in einer kognitive Umstrukturierung zur Veränderung der automatischen Gedanken. So kann die kognitive Umstrukturierung ablaufen:

  1. Vermittlung des kognitiven Modells durch den Therapeuten. Hierbei geht es um die Unterscheidung von Gedanken, Gefühlen, Körperzuständen und dem Verhalten, Der Patient lernt, welchen Einfluss seine Gedanken auf seine Gefühle, seinen Körperzustand und sein Verhalten haben.
  2. Herausarbeiten der Gedanken, die in typischen Problemsituationen auftreten. Dies geschieht durch Selbstbeobachtung des Patienten und durch die gemeinsame Analyse mit dem Therapeuten.
  3. Hinterfragen dieser Gedanken. Der Therapeut stellt dem Patienten Fragen, sodass dieser selbst herausfindet, welche Gedanken dysfunktional sind (sokratischer Dialog).
  4. Erarbeiten hilfreicherer Gedanken.
  5. Einüben von diesen neuen hilfreicheren Gedanken in den typischen Problemsituationen. Hierzu können z.B. Rollenspiele durchgeführt werden, die Gedanken auf Kärtchen aufgeschrieben werden etc.

Modell der erlernten Hilflosigkeit

Dieses Modell wurde von Martin Seligman geprägt. Erlernte Hilflosigkeit meint die Erwartung, dass man unangenehme, problematische Situationen nicht beeinflussen kann. Diese Erwartung führt dazu, dass eine Person ihr Verhalten einengt und nichts mehr unternimmt, um Probleme und Belastungen zu überwinden. Diese Selbstbeschränkung und Passivität ist verursacht durch frühere Erfahrungen der Hilf- und Machtlosigkeit. 

Ratgeber

Ratgeber Depression. Informationen für Betroffene und Angehörige (M. Hautzinger)

 

Ratgeber Traurigkeit, Rückzug, Depression. Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher (G. Groen, W. Ihle, M.E. Ahle, F. Petermann)

 

Zwei Bücher, die eine Depression und den Umgang damit in Form von Bildern erklären: Mein schwarzer Hund. Wie ich meine Depression an die Leine legte (M. Johnstone) Und: Mit dem schwarzen Hund leben. Wie Angehörige und Freunde depressiven Menschen helfen können, ohne sich dabei selbst zu verlieren (M. Johnstone, A. Johnstone)

Leitlinie

Bücher für die Therapie

Therapie-Tools Depression (E. Faßbinder, J.P. Klein, V. Sipos, U. Schweiger)

 

Therapie-Tools Depression im Kindes- und Jugendalter (G. Groen, F. Petermann)

 

Depression: Leitfaden Kinder- und Jugendpsychotherapie (W. Ihle, G. Groen, D. Walter, G. Esser, F. Petermann)

 

Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen (M. Hautzinger)

 

Praxis der Kognitiven Verhaltenstherapie (J.S. Beck)