Wissenschaftlichkeit

Fakt ist, nicht alle gesundheitlichen Behandlungen in Deutschland beruhen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Bekannte Beispiele sind die "kraniosakrale Osteopathie" oder die Homöopathie sowie einige Behandlungen, die Heilpraktiker*innen durchführen  (Quellen: European Academies’ Science Advisory CouncilMünsteraner Memorandum Homöopathie). Leider finden sich auch im Bereich Psychotherapie einige Behandler*innen mit Behandlungsansätzen, die nichts mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun haben.


Das Beispiel "Homöopathie"

Meiner Meinung nach sollten Ärzte keine homöopathischen "Medikamente" verschreiben, ohne darüber aufzuklären, dass es sich um ein Placebo handelt. Ärzte machen das dennoch, vermutlich in der Überzeugung, ihren Patient*innen zu helfen. Das falsch verstandene Motto ist dann: "Wer heilt hat Recht". Aufgrund von Behandlungserfolgen im Einzelfall kommen Ärzte dann zu einer solchen Meinung.

 

Auf eine Weise liegen Ärzte, die so handeln richtig: Es kommt unter der Einnahme von Homöopathie manchmal bei manchen Problemen zu einer Verbesserung. Die Ursache dafür ist aber nie der homöopathische "Wirkstoff". Die Ursachen können stattdessen sein:

(1) Einige gesundheitliche Probleme (wie eine Erkältung) bessern sich nach gewisser Zeit auch ohne Behandlung (Spontanremission, Regression zur Mitte).

(2) Wirkfaktor Arzt-Patient-Verhältnis: Es kann zur Besserung beitragen, wenn ein Arzt sich Zeit nimmt und in einem ausführlichen Gespräch mit Patient*innen deren Erleben und Beschwerden bespricht. In Deutschland verbringen Hausärzte aber nur 7 Minuten mit einem Patient im Durchschnitt (aerzezeitung.de).

(3) Unbewusste, gelernte Effekte: Die Konditionierung zwischen Tabletteneinnahme und Körperreaktion kann ein Wirkfaktor sein.

(4) Geweckte Heilungserwartung und Aufmerksamkeitsfokussierung: Wenn ein Arzt von seinem Handeln überzeugt ist, Patient*innen dem Arzt vertrauen und für kompetent halten, sind dies große Faktoren für das Befinden (Placeboeffekt).

 

 

Weitere Informationen: Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften | www.gwup.de



<<Es kann doch nicht schaden...>>

Unwissenschaftliche Behandlungen und Falschinformationen im Bereich der Gesundheit können zu schweren Schäden führen. Ein paar Beispiele sind:

  • Während der Corona-Pandemie wurde die Lüge verbreitet, man könne das Virus bekämpfen, indem man Bleichmittel trinkt. Vor diesem Bleichmittel wurde schon im Jahr 2010 gewarnt - offensichtlich ohne ausreichenden Erfolg. | Food & Drug Administration: www.fda.gov | maiLab: MMS ist Gift 
  • Erst Ende 2019 wurde in Deutschland ein Gesetz auf den Weg gebracht, das die "Heilung von Homosexualität" bei Minderjährigen unter Strafe stellt (sogenannte Konversionstherapien). Bislang waren solche "Therapien" erlaubt, selbst wenn die Behandlungsmethode in einer "Dämonenaustreibung" bestand. | www.tagesschau.de |
  • Als im Jahr 2020 das Masernschutzgesetz in Kraft getreten ist, behaupteten Impfgegner davor (und immer noch), dass Impfungen Autismus auslösen. Das Hervorrufen von Ängsten durch Falschinformationen wie dieser kann international mit verantwortlich sein für einen Rückgang der Impfquoten| www.tagesschau.de |
  • Immer wieder gibt es Berichte von teils massiven Gesundheitsschäden bis hin zum Tod durch Fehlbehandlungen durch Heilpraktiker | www.tagesschau.de |

Psychotherapie: Von der Konfession zur Profession

Im Jahr 1994 veröffentliche der Psychotherapieforscher Klaus Grawe ein wegweisendes Werk: "Psychotherapie im Wandel: Von der Konfession zur Profession". Grawe fordert darin: Psychotherapie sollte ausschließlich auf (natur)wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren (so wie es bei der Psychologie der Fall ist, wie sie an deutschen Universitäten gelehrt wird). Er plädierte für die Orientierung an der empirischen Forschung und somit für eine evidenzbasierte Psychotherapie anstelle von unüberprüften bzw. unüberprüfbaren Theorien oder Methoden.

 

Dieses Video (auf Englisch) geht der Frage nach, inwiefern man bei der Psychologie als Wissenschaft sprechen kann:

Die American Psychological Association (APA) definiert: Evidence-based practice in psychology is the integration of the best available research with clinical expertise in the context of patient characteristics, culture, and preferences (www.apa.org).

 

Siehe auch: Defining empirically supported therapies (www.div12.org)


Ergebnisse empirischer Forschung sind keine Meinung

Grundsätzlich ist jeder frei darin, jede beliebige Meinung zu haben und zu sagen, egal ob sie mit der Realität übereinstimmt oder unwahr ist. Ein paar Beispiele:

  1. Widder-Geborene stehen "ganz im Zeichen von Initiative, Aktivität und Dynamik. Sie sind Willensmenschen, die sich durchsetzen können" (https://www.horoskop-paradies.ch/sternzeichen.html)
  2. "Wussten Sie, dass Ihre Handschrift mehr über Sie verrät, als Ihnen bewusst sein mag?" (https://www.bildderfrau.de/familie-leben/article214702583/Handschrift-deuten.html)
  3. "Ingwer, Knoblauch, Hühnersuppe & Co. können Ihren Körper (...) stärken und den Heilungsprozess unterstützen" (https://www.tk.de/techniker/magazin/ernaehrung/essen-und-wissen/ingwer-erkaeltung-superfood-2030264)

Zum Beispiel ist die Annahme, dass sich in der Handschrift eines Menschen seine Persönlichkeit ausdrückt widerlegt. Die gesamte "Wissenschaft" der Graphologie ist widerlegt. Es handelt sich um eine Pseudowissenschaft.

 

Es gibt nur wenige Aussagen, die man nicht verbreiten darf:  Beleidigung, Verleumdung,  üble Nachrede, Volksverhetzung. Da jeder erst einmal alles behaupten darf, schreiben manche Menschen sogar ganze Bücher, die zu Bestseller werden, obwohl die behandelten Sachverhalte falsch dargestellt sind (Stellungnahme der Uni Kiel zum Buch "Corona Fehlalarm?"). Gerade im Bereich Gesundheit gibt es sehr viele Falschinformationen, die verbreitet werden.

 

Empirische Forschung ist das Gegenteil von Meinungen. Empirische Wissenschaften versuchen durch ein quantitatives Vorgehen, also durch Berechnungen und Messungen, Fakten zu sammeln. Das funktioniert im Allgemeinen immer nach dem selben Prinzip: Beobachtungen führen zu einer Vermutung, darauf aufbauend entwickelt man eine spezifische und überprüfbare Hypothese, diese Hypothese wird dann durch ein Experiment überprüft und schließlich verifiziert oder falsifiziert.

 

Mittlerweile wissen auch Menschen, die an Verschwörungen glauben oder Behandler*innen mit "alternativer" Heilmethoden, dass sie Studien benutzen können, um ihre Sichtweise zu untermauern - allerdings zeigt sich dann oft bei genauem Hinsehen, dass diese "Studien" diesen Namen nicht verdienen, da sie eben nicht wissenschaftlichen Kriterien entsprechen. Jeder kann natürlich irgendwelche "Studien" durchführen und veröffentlichen. 


<Ganzheitliche Medizin>

Manche Behandler*innen kritisieren eine Orientierung an der empirischen Wissenschaft, indem sie sagen, man müsse Menschen "ganzheitlich" und individuell betrachten. Die kognitiv-behaviorale Verhaltenstherapie (KVT) ist historisch entstanden durch den Vorsatz, sich nicht von unüberprüfbaren Annahmen leiten zu lassen, sondern auf empirisch überprüfbaren Erkenntnissen aufzubauen. Ist sie deshalb nicht "ganzheitlich"? 

 

Die Grundlage der KVT ist das biopsychosoziale Modell (wikipedia.org/biopsychosoziale_medizin). Dieses Modell, in Verbindung mit Ergebnissen der empirischen Forschung führt dazu, dass die KVT von einem multifaktoriellen Modell für die Entstehung psychischer Störungen ausgeht. Allgemeine Störungsmodelle werden in einer Therapie ergänzt durch individuelle Verhaltensanalysen, die mit Patient*innen gemeinsam angefertigt werden. Betrachtet werden dabei alle Ebenen des Verhaltens und Eigenschaften einer Person im Zusammenspiel mit Kontextfaktoren:

  • Die Situation, in der ein Patient ein Problem hat,
  • Wichtige Lernerfahrungen des Patienten im Laufe seines Lebens. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Überdauernde Eigenschaften des Patienten, z.B. seine Persönlichkeitsmerkmale. Genetische Dispositionen.
  • Gedanken
  • Gefühle
  • Körperreaktionen
  • Handlungen
  • Deren kurzfristige Konsequenzen
  • Deren langfristige Folgen.

Bemerkenswert ist, das gerade reduktionistische Behandlungsansätze (z.B. Globuli nehmen gegen Ängste / Schmerzen etc.) oft als "ganzheitlich" beworben werden.


<Alternative Medizin>

Es gibt keine alternative Physik. Es gibt keine alternative Biologie. Es gibt keine alternative Anatomie. Und deswegen gibt es keine alternative Medizin. Das ist Konsens in der Wissenschaft. Langsam wird darüber auch in Qualitätsmedien berichtet, z.B. in Interviews mit Patrick Larscheid vom Gesundheitsamt Berlin. Eine sinnvolle Folge wäre es, Heilpraktiker zu verbieten.

 

Wenn man eine sinnvolle Differenzierung treffen möchte (anstelle der "alternativen" Medizin), dann diese:

  • Es gibt Medizin, deren Wirksamkeit angemessen erforscht wurde.
  • Und es gibt Behandlungsmethoden, deren Wirksamkeit nicht erforscht wurden bzw. deren Unwirksamkeit belegt wurde.

"It is time for the scientific community to stop giving alternative medicine a free ride. There cannot be two kinds of medicine - conventional and alternative. There is only one medicine that has been adequately tested and medicine that has not" (Angell and Kassirer, 1998).


Evidenzbasierte Psychotherapie: Wenig verbreitet in Deutschland

Es gibt in Deutschland keine flächendeckende Verbreitung (Dissemination) von Psychotherapie, deren Wirksamkeit in methodisch guten Studien überprüft wurde. Beispielsweise zeigt eine im Jahr 2020 veröffentlichte Studie, dass bei 92% der untersuchten Patient*innen mit einer schweren Depression die Behandlung nicht leitliniengerecht war.

 

Manche Psychotherapeut*innen vertreten die Meinung, Psychotherapie sei eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Ihre Argumentationsstruktur ähnelt derjenigen von Homöopathen (das Denken von Homöopathen kann man z.B. auf alternativloses-heilen.de nachlesen). Einwände gegen eine evidenzbasierte Psychotherapie sind z.B.:

  • ... dass ein standardisiertes Vorgehen mit einem Therapiemanual zu einer unpersönlichen Behandlung führt und der Einzigartigkeit eines Menschen nicht gerecht würde.
  • ... dass die therapeutische Beziehung entscheidend sei und man deswegen nicht so viel Wert auf Methoden legen müsse.

Es gibt weitere Gründe für die fehlende Anwendung wissenschaftlicher Methoden, zum Beispiel:

  1. Finanzielle Fehlanreize: Als Psychotherapeut in Ausbildung war ich jahrelang angestellt in einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort sollte ich täglich "Tests" machen mit den jungen Patient*innen: Sie sollten ihre Familie als Tiere zeichnen (wikipedia.org/wiki/familie_in_tieren). Zwar kann es hilfreich sein, einem Kind nicht nur Fragen zu stellen, sondern auch über das Malen von Bilder in Kontakt zu kommen. Das gemalte Bild als "Test" zu bezeichnen, ist aber absurd. Dennoch werden solche "projektiven Testverfahren" besser vergütet als psychometrische wissenschaftliche Tests. Sogar in vielen Sorgerechtsverfahren vor Familiengerichten in Deutschland kamen solchen "Tests" zum Einsatz. Mittlerweile haben manche Gerichte zum Glück erkannt, dass das unverantwortlich ist. Pseudowissenschaftliche Tests wie "Familie in Tieren" oder der "Thematische Apperzeptionstest" gelten als wenig hilfreich. "Als Konsequenz ergeben sich fehlerhafte Diagnosen" (Macho 2016) | Siehe auch: Testgütekriterien | Wissenschaft und Pseudowissenschaft in der Psychologie |
  2. Der Aufwand: Es ist für Psychotherapeut*innen, die z.B. 60 Patient*innen mit 40 verschiedenen Problemlagen in der Praxis behandeln, extrem viel zeitaufwendiger, mit allen in jeder Sitzung eine leitliniengerechte und evidenzbasierte Behandlung durchzuführen. Sehr viel einfacher ist es, weniger strukturiert vorzugehen in den Sitzungen, zu fragen: "Worüber möchtest du heute reden?". "Viele Therapeuten bereiten ihre Therapiestunden daher nicht weiter vor" (Lindenmeyer, 2015). Es ist eine sehr große Herausforderung, den Inhalt der etwa 50 wichtigsten Therapiemanuale (einschließlich Tausenden von Arbeitsblättern), genau zu kennen, sicher zu beherrschen und auf den Einzelfall individuell anzupassen, sodass sie fachgerecht in den Sitzungen und im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplanes eingesetzt werden.

Weitere Informationen:

Auszug aus der Kolumne "Wissenschaft und Praxis" aus dem Kammerbrief 2-2020 der Psychotherapeutenkammer Berlin.

 

Disseminating Evidence-Based Practice for Children and Adolescents (APA)


Noch immer ist die Haltung von Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen Alltag, "sich einzig auf die eigene Intuition und einmal gelernte Verfahren zu verlassen sowie wissenschaftliche Ergebnisse und psychometrische Befunde zu ignorieren" (Lutz, Neu, Rubel, 2019: Evaluation und Effekterfassung in der Psychotherapie)


Empfehlung für Patient*innen

Ich empfehle allen Patient*innen, stets nachzufragen bei Behandler*innen ob die Wirksamkeit einer Behandlung durch naturwissenschaftlich Erkenntnisse belegt ist, also durch randomisierte kontrollierte Studien (wikipedia.org/wiki/Randomisierte_Kontrollierte_Studie). Das Gegenteil davon sind Einzelfallberichte (Anekdoten) oder die persönliche Meinung oder Erfahrung von Behandler*innen: Diese können niemals ein Beleg für die Wirksamkeit einer Behandlung sein. Behandler*innen sollten in der Lage sein, ihren Patient*innen Studien oder naturwissenschaftliche Leitlinien zu nennen.

 

Idealerweise sollte das im Kontakt zu allen Behandlern im Gesundheitswesen gelten (Ärzte, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten etc.). 

 

Außerdem empfehle ich allen Patient*innen, immer nach den Nebenwirkungen einer Behandlung zu fragen. Grundsätzlich gilt: Nur wo es keine Wirkung gibt, gibt es auch keine Nebenwirkung. Psychotherapie kann genauso Nebenwirkungen haben wie jede andere Therapie auch. Ein Beispiel: Ein Therapeut führt eine "nondirektive Spieltherapie" durch; dadurch nehmen die Eltern an, dass der Therapeut die Verhaltensprobleme des Kindes reduzieren kann; dadurch lernen die Eltern nicht, dass in Wirklichkeit das Verhalten der Bezugspersonen im Alltag entscheidend ist zur Reduktion der Probleme; weil die Eltern ihr Verhalten nicht verändern, kommt es zu einer Verfestigung der Probleme des Kindes.


Der Nutzen vieler IGeL-Leistungen ist nicht belegt

Da der Nutzen vieler individueller Gesundheitsleistungen (IGeL-Leistungen) nicht belegt ist, sie aber dennoch oft angeboten werden, gibt es den www.igel-monitor.de für Patienten. Dort kann man überprüfen, ob es einen Wirksamkeitsnachweis für eine Behandlung gibt.


Bewertet werden teilweise auch Leistungen im Bereich der Psychotherapie, die oft in psychiatrischen Klinken angeboten werden wie die Kunsttherapie bei psychischen Erkrankungen.


Weitere verlässliche Informationsquellen

Patienten-Information: www.patienten-information.de | Herausgeber: Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin, Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung

 

Gesundheitsinformation: www.gesundheitsinformation.de | Herausgeber: Stiftung für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, IQWiG


Zitierte Quellen

Lindenmeyer, M. (2015): Therapietools, Offene Gruppen 1

 

Macho, S. (2016): Wissenschaft und Pseudowissenschaft in der Psychologie