Wissenschaftlichkeit

Nicht alle gesundheitlichen Behandlungen in Deutschland beruhen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Bekannte Beispiele sind die Osteopathie oder die Homöopathie. Meiner Meinung nach sollten Ärzte nicht Homöopathie verschreiben ohne darüber aufklären, dass es sich um einen Placebo handelt. Vermutlich tun das Ärzte dennoch in der Überzeugung, ihren Patienten zu helfen nach dem Motto, "Wer heilt hat Recht". Auf eine Weise haben Ärzte, die das tun Recht: Es kommt unter der Einnahme von Homöopathie manchmal bei manchen Problemen zu einer Verbesserung. Die Ursache dafür ist aber stets nicht der homöopathische "Wirkstoff". Es sind andere Ursachen: Dazu gehört die Spontanremission bei einigen gesundheitlichen Bedingungen. Aber auch die vermehrte Zeit und Zuwendung, die Ärzte einem Patienten schenken, die geweckte Heilungserwartung, wenn Ärzte von ihrem Handeln überzeugt sind, die Aufmerksamkeitslenkung - zusammengenommen können diese Faktoren einen großen Effekt haben, den Placeboeffekt. 

 

| Weitere Informationen: Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften: www.gwup.de |



"Es schadet doch nicht"?

fake news im Bereich der Medizin und unwissenschaftliche Behandlungen können zu schweren Gesundheitsschäden führen. Drei Beispiele:

  • In der Coronakrise wurde die Lüge verbreitet, man könne das Virus bekämpfen, indem man Bleichmittel trinkt. Vor diesem Bleichmittel wurde schon im Jahr 2010 gewarnt - ohne ausreichenden Erfolg. | Food & Drug Administration: www.fda.gov | maiLab: MMS ist Gift |
  • Erst Ende 2019 wurde in Deutschland ein Gesetz auf den Weg gebracht, das die "Heilung von Homosexualität" bei Minderjährigen unter Strafe stellt (sogenannte Konversionstherapien). Bislang waren solche "Therapien" erlaubt, selbst wenn die Behandlungsmethode in einer "Dämonenaustreibung" bestand. | Link: www.tagesschau.de |
  • Als im Jahr 2020 das Masernschutzgesetz in Kraft getreten ist, behaupteten Impfgegner davor (und immer noch), dass Impfungen Autismus auslösen. Das Hervorrufen von Ängsten durch Falschinformationen wie dieser, kann international mit verantwortlich sein für einen Rückgang der Impfquoten| Link: www.tagesschau.de |

Psychotherapie: Von der Konfession zur Profession

Im Jahr 1994 veröffentliche der Psychotherapieforscher Klaus Grawe ein wegweisendes Werk: "Psychotherapie im Wandel: Von der Konfession zur Profession". Grawe fordert darin: Psychotherapie sollte ausschließlich auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Er plädierte für die Orientierung an der empirischen Forschung und somit für eine evidenzbasierte Psychotherapie anstelle von Meinungen und unüberprüften Theorien.

 

Dieses Video geht der Frage nach, ob Psychologie eine Wissenschaft ist (auf Englisch):


Tatsachen sind keine Meinung

Empirische Forschung ist das Gegenteil von einer Meinung oder Ansicht. Sie versucht durch ein quantitatives Vorgehen, also durch Berechnungen und Messungen, Fakten zu sammeln. Das funktioniert im Allgemeinen immer nach dem selben Grundprinzip in der Wissenschaft: Beobachtungen führen zu einer Vermutung, darauf aufbauend entwickelt man eine spezifische und überprüfbare Hypothese, diese Hypothese wird dann durch ein Experiment überprüft.

 

Jeder hat das Recht in Deutschland, fast alles zu behaupten (mit nur wenigen Ausnahmen). Das bedeutet aber nicht, dass jeder Recht hat und dass jede "alternative Sichtweise" richtig ist.


Ganzheitliche Medizin

Menschen, die Werbung machen für esoterische Methoden und eine Orientierung an der empirischer Wissenschaft kritisieren, äußern oft den Einwand, man müsse Menschen "ganzheitlich" betrachten. Das stimmt! Nehmen wir als Beispiel die Verhaltensanalyse, die in jeder Kognitiven Verhaltenstherapie durchgeführt wird. Analysiert werden...

 

...die Situation, in der ein Patient ein Problem hat; wichtige Lernerfahrungen des Patienten im Laufe seines Lebens; gesellschaftliche Rahmenbedingungen; überdauernde Eigenschaften des Patienten, z.B. seine Persönlichkeitsmerkmale; genetische Dispositionen; Gedanken; Gefühle; Körperreaktionen; Handlungen; deren kurzfristige Konsequenzen; deren langfristige Folgen.

 

Eine ganzheitliche Betrachtung besteht also daraus, alle Ebenen des Verhaltens und alle Eigenschaften einer Person im Zusammenspiel mit Kontextfaktoren zu betrachten. Deswegen finde ich die Behauptung, Homöopathie oder andere Scheinbehandlungen wären "ganzheitlich" nicht nachvollziehbar.


Evidenzbasierte Psychotherapie ist leider nicht weit verbreitet

Es gibt in Deutschland leider keine flächendeckende Anwendung (Dissemination) von Psychotherapien, deren Wirksamkeit in methodisch gut gemachten Studien überprüft wurde. Manche Therapieansätze und mache Behandler vertreten die Meinung, Psychotherapie sei eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Einwände lauten dann...

  • ... dass ein standardisiertes, überprüftes Vorgehen (z.B. mit einem Therapiemanual) zu einer unpersönlichen Behandlung führt und der Einzigartigkeit eines Menschen nicht gerecht würde.
  • ... dass die therapeutische Beziehung entscheidend sei (das stimmt) und man deswegen nicht so viel Wert auf konkrete Methoden legen muss (das stimmt nicht).

Es gibt weitere Gründe für die fehlende Anwendung wissenschaftlicher Methoden, zum Beispiel:

  1. Finanzielle Fehlanreize: Als Psychotherapeut in Ausbildung war ich jahrelang angestellt in einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort sollte ich täglich "Tests" machen mit den jungen Patienten. Sie sollten ihre Familie als Tiere zeichnen auf einem Blatt Papier (wikipedia.org/wiki/familie_in_tieren). Zwar kann es hilfreich sein, einem Kind nicht nur Fragen zu stellen (Exploration), sondern auch über das Malen von Bilder in Kontakt zu kommen. Das gemalte Bild eines Kindes als "Test" zu bezeichnen, ist aber absurd. Dennoch werden solche "projektiven Testverfahren" besser vergütet im Vergleich zur Vergütung von psychometrischen, wissenschaftlicher Tests. Sogar in Sorgerechtsverfahren vor dem Familiengericht kam diesem "Test" große Bedeutung zu. Mittlerweile haben Gericht zum Glück erkannt, dass das unverantwortlich ist. | Siehe auch: Testgütekriterien |
  2. Der Aufwand: Es ist für einen Psychotherapeuten, der z.B. 60 Patienten mit 40 verschiedenen Problemlagen in seiner Praxis behandelt, extrem viel (zeit)aufwendiger, Patienten in jeder Sitzung eine leitliniengerechte und evidenzbasierte Behandlung anzubieten. Einfacher ist es, weniger strukturiert vorzugehen ("Worüber möchtest du heute reden?"). Es ist eine Herausforderung, den Inhalt der etwa 50 wichtigsten Therapiemanuale (einschließlich Hunderten von Arbeitsblättern) so zu beherrschen, dass sie fachgerecht in den Sitzungen und im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplanes eingesetzt werden.

Empfehlung für Patienten

Ich empfehle allen Patienten, stets nachzufragen bei ihrem Behandler, ob die Wirksamkeit einer Behandlung belegt ist (oder auf der Erfahrung des Behandlers beruht). Wenn die Wirksamkeit belegt ist, sollte der Behandler in der Lage sein, Studien oder Leitlinien zu nennen und deren Ergebnisse zu erklären. Idealerweise sollte das im Kontakt zu allen Behandlern im Gesundheitswesen gelten (Ärzte, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten etc.). Eine Wirksamkeit lässt sich belegen durch methodisch hochwertige, randomisierte, kontrollierte Studien. Das Gegenteil sind Einzelfallberichte: Diese sind kein Beleg für die Wirksamkeit.

 

Außerdem empfehle ich allen Patienten, immer nach den Nebenwirkungen einer Behandlung zu fragen. Grundsätzlich gilt: Nur wo es keine Wirkung gibt, gibt es auch keine Nebenwirkung. Psychotherapie kann genauso Nebenwirkungen haben so wie jede andere Therapie auch. Ein Beispiel für eine Nebenwirkung von Psychotherapie: Ein Therapeut führt die oben genannte "Spieltherapie" durch; dadurch nehmen die Eltern an, dass der Therapeut die Verhaltensprobleme des Kindes direkt reduzieren kann; dadurch lernen die Eltern nicht, dass in Wirklichkeit das Verhalten der Bezugspersonen im Alltag entscheidend ist zur Reduktion der Probleme; weil die Eltern ihr Verhalten nicht verändern, kommt es zu einer Verfestigung der Probleme des Kindes.


Der Nutzen vieler IGeL-Leistungen ist nicht belegt

Da der Nutzen vieler individueller Gesundheitsleistungen (IGeL-Leistungen) nicht belegt ist, sie aber dennoch oft angeboten werden, gibt es den www.igel-monitor.de für Patienten. Dort kann man überprüfen, ob es einen Wirksamkeitsnachweis für eine Behandlung gibt.


Bewertet werden teilweise auch Leistungen im Bereich der Psychotherapie, die oft in psychiatrischen Klinken angeboten werden wie die Kunsttherapie bei psychischen Erkrankungen.


Leitlinien: Evidenzbasierte Medizin

Leitlinien fassen das aktuelle medizinische und psychotherapeutische Wissen zusammen über die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen. Darauf aufbauend sprechen sie konkrete Empfehlungen aus.

 

Die Leitlinien geben an, wie gut eine Empfehlung wissenschaftlich belegt ist. Das ist wichtig, da es leider auch eine große Zahl methodisch schlechter Forschung gibt, deren Ergebnissen man keine Beachtung schenken darf (Beispiel für Kritik an schlechter Forschung).

 

Die höchste Güte haben sogenannte Leitlinien der Kategorie S3. Sie sind am verlässlichsten, aber auch am aufwändigsten in der Entwicklung. Die Leitlinien sind kostenfrei öffentlich zugänglich gemacht durch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) | www.awmf.org | Beispiele für Suchbegriffe, die zu verfügbaren Leitlinien führen:

 

ADHS, Schlafstörungen, Depression, Posttraumatische BelastungsstörungenStörungen des Sozialverhaltens, Autismus-Spektrum-Störungen, Suizidalität im Kindes- und Jugendalter, Enuresis / nicht-organische Harninkontinez, EssstörungenFetale Alkoholspektrumstörungen, funktionelle Beschwerden, Kreuzschmerz, Geschlechtsinkongruenz, Notfallpsychiatrie, Depersonalisations-DerealisationssyndromDown-SyndromAngststörungen, ZahnbehandlungsangstAkute Traumatisierung, schwere psychische Erkrankungen, psychische Störungen im Kleinkindalter

 

International gibt es weitere Herausgeber von Leitlinien, z.B. die clinical guideline "depression in adults: recognition and and management" vom National Institute for Health and Care Excellence (NICE)  |   www.nice.org.uk

 


Weitere verlässliche Informationsquellen

Patienten-Information: www.patienten-information.de | Herausgeber: Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin, Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung

 

Gesundheitsinformation: www.gesundheitsinformation.de | Herausgeber: Stiftung für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, IQWiG