Wissenschaftlichkeit

Während meines beruflichen Werdegangs haben mich wissenschaftliche Erkenntnisse mehrfach zu einem Umdenken gebracht. Das bezieht sich auf drei Bereiche:

(1) Bevor ich die Psychotherapieausbildung begonnen habe, hatte ich eine Heilpraktikerausbildung in Psychotherapie angefangen.
(2) Ich hatte geglaubt, Neuro-Linguistisches Programmieren (NLP) sei ein ernst zu nehmender therapeutischer Ansatz.

(3) Während meines Studiums hatte ich Interesse an der Psychoanalyse Sigmund Freuds, weshalb ich ich einen Erasmus-Studienaufenthalt in Wien gemacht habe.

 

Die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Methoden hat dazu geführt, dass ich die Heilpraktiker-Ausbildung abgebrochen und meine Urkunde als NLP-Practitioner entsorgt habe. Ich habe lernen müssen, dass die Hypothesen des NLP widerlegt sind. Auch meine Befürwortung der Psychoanalyse hat sich gewandelt. Sie und die psychoanalytisch begründeten Verfahren bilden für mich ein interessantes Denksystem über kulturelle Phänomene. Für eine wissenschaftliche Behandlung von Erkrankungen konnte ich mich aber nicht für die Psychoanalyse entscheiden. In meinen Prüfungsfällen zum Verhaltenstherapeuten habe ich jedoch immer die psychodynamischen Konzepte verglichen: Beispielsweise habe ich bei meinem Prüfungsfall über eine Tierphobie im Kindesalter Freuds Ideen über den "Kleinen Hans" vergleichend gegenüber gestellt.


Deutschland: Das "Mekka der Alternativmedizin"

Das Gesundheitssystem in Deutschland bietet zu großen Teilen eine hochwertige und wissenschaftliche Diagnostik und Therapie. Gleichzeitig gibt es jedoch eine Gesetzeslage, "die Deutschland zu einem Mekka der Alternativmedizin macht" (Grams 2020).

 

 

Sowohl im Bereich körperlicher Behandlungen (z.B. die Homöopathie, kraniosakrale Osteopathie), als auch im Bereich Psychotherapie werden Behandlungen durchgeführt, die grundlegenden wissenschaftlichen Standards widersprechen.

 

"Dass offensichtlich haltlosen Versprechungen von Eiferern und Scharlatanen nicht getraut werden kann, haben die meisten Menschen verstanden". Die größere Herausforderung für Patient*innen liegt aber darin, zu unterscheiden zwischen Therapien, die dem aktuellsten wissenschaftlichen Stand entsprechen und solchen, die das nicht tun (Evans et al. 2013).

 

Immer wieder gibt es in Deutschland die Ablehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Kamp-Becker et al. (2021) berichten beispielsweise anlässlich der Veröffentlichung einer neuen wissenschaftlichen Leitlinie, dass diese <<kontrovers diskutiert oder sogar abgelehnt>> werde.


Die Freiheit, behaupten zu dürfen, was man will

"Das Paradox unseres Informationszeitalters ist: Je mehr Informationen verfügbar sind, desto schwieriger wird es, sich zu informieren" (Nguyen-Kim 2021). Denn grundsätzlich kann in einer pluralistischen Gesellschaft jeder alles behaupten. Die Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Kunstfreiheit, Wissenschaftsfreiheit und Glaubensfreiheit sind sehr weitreichende Freiheiten. Es ist durch diese Freiheiten gedeckt, Meinungen und Falschinformationen als Tatsachen darzustellen:

 

(1) Anhand von Details in der Handschrift kann man einzelne Charakter-Eigenschaften erkennen. Wenn man diese Hypothese durch wissenschaftliche Methoden überprüft, zeigt sich: Die Wissenschaft der Graphologie ist widerlegt. Trotzdem dürfte man in Deutschland aufbauend auf dieser Wissenschaft eine Praxis als psychologischer Berater eröffnen. Auch der Erfolg von Motivationstrainern ist so möglich.

 

(2) Es ist Wissenschaftler*innen und Professor*innen an deutschen Universitäten nicht verboten, nachweislich Falschinformationen zu verbreiten. Einige schaffen es damit auf die Bestsellerliste, auch wenn die Fachschaft der eigenen Universität eine Stellungnahme dagegen veröffentlicht.

 

(3) Es gibt Psychotherapeut*innen, die "hochgefährlichen Unsinn" verbreiten und "krude Therapievorschläge" in psychotherapeutischen Büchern veröffentlichen wie Dr. Ruediger Dahlke. Dahlke ist Autor von Werken wie "Krankheit als Symbol. Ein Handbuch der Psychosomatik".


Postfaktische Thesen

Das Wort "postfaktisch" verweist darauf, "dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen ‚die da oben‘ bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren", sagt die Gesellschaft für deutsche Sprache. Dabei spielt der naturwissenschaftliche Erkenntnisprozess eine wichtige Rolle für die Gesellschaft: "Wissenschaft ist weit entfernt davon, perfekt zu sein als Werkzeug, um Wissen zu erschaffen. Aber es ist das beste, das wir zur Verfügung haben. In dieser Hinsicht, wie in vielen anderen, ist Wissenschaft wie die Demokratie" (Carl Sagan).


Unite behind the science

Was und wem kann man glauben? Man könnte meinen, niemand kann in einer pluralistischen Gesellschaft Aussagen treffen, die einen Wahrheitsanspruch haben. Aber "Forschung im idealisierten Sinne ist Suche nach Wahrheit", wendet die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein. Gleichzeitig verteidigen Wissenschaftler*innen die pluralistische Gesellschaft, "wenn sie sich nicht als Instanz des Wahrheitsbesitzes verstehen, sondern als diejenige der rationalen, methodischen Suche nach Wahrheit", berichtet Peter Strohschneider ("Über Wissenschaft in Zeiten des Populismus").

 

Durch wissenschaftlichen Konsens gibt es tatsächlich das, was man als Fakten bezeichnen kann. Zum Beispiel 24 Fakten zum Klimawandel. Dieser Konsens bietet die Chance, sich auf eine gemeinsame Wirklichkeit zu einigen. Ein solcher Konsens entsteht nicht durch eine demokratische Abstimmung unter Wissenschaftler*innen, sondern durch starke wissenschaftlich Evidenz.


Wissenschaft und Pseudowissenschaft

Eindeutige Kriterien zur Unterscheidung von Wissenschaft und Pseudowissenschaft sind nur schwer aufzustellen. Dennoch gibt es Anhaltspunkte, um pseudowissenschaftliche Ansätze zu erkennen:

 

1. Eine pseudowissenschaftliche Argumentation behauptet, sie beruhe auf Normen der Wissenschaft, obwohl das nicht der Fall ist. Die wissenschaftliche Methode ist eine sich selbst korrigierende Vorgehensweise, definiert eines der Standardlehrbücher der Psychologie: "Eine Theorie kann noch so vernünftig klingen (...) - sie muss getestet werden".

 

2. Das Gedankensystem von Pseudowissenschaften verändert sich im Verlauf der Zeit lediglich durch interne Auseinandersetzungen unter ihren Anhänger*innen, nicht jedoch durch externe Forschung. Es basiert oft auf Gründungsfiguren wie Samuel Hahnemann.

 

3. Eine Pseudowissenschaft behandelt oft verborgene Phänomene (z.B. Energien). Anhänger*innen verfügen im Gegensatz zu anderen über Fähigkeiten und Wissen über diese verborgenen Phänomene. Diese Fähigkeiten und das Wissen ist dann aber letztlich wissenschaftlich nicht überprüfbar und nicht widerlegbar.

 

4. Werden Vertreter*innen von Pseudowissenschaften mit wissenschaftlichen Studien konfrontiert, die ihren Annahmen widersprechen, „führen sie ins Feld, dass mit dem ganzen Konzept der Durchführung von Studien etwas nicht stimmen könne, dass es irgendeinen komplizierten Grund gäbe", warum ihr Ansatz auf diese Weise nicht überprüfbar sei (Evans et al. 2013). 

 

Häufig wird argumentiert, dass naturwissenschaftliche Methoden limitiert seien und es Wahrheiten gebe, die durch sie nicht messbar seien (vgl. die unten genannte PLURV-Technik Unerfüllbare Erwartungen). Anhänger von Pseudowissenschaften empfinden es als ungerecht oder undemokratisch oder reduktionistisch wenn nur naturwissenschaftliche Methoden anerkannt werden. Sie fordern, dass eine Vielfalt wissenschaftlicher Ansätze gleichwertig anerkannt sein müssten (vgl. Alternative Fakten).

 

5. Anhänger*innen einer Pseudowissenschaft beklagen, dass ihre Arbeit unterdrückt werde. Ihr Ansatz werde z.B. durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft nicht berücksichtigt, da diese einseitig Forschungsmittel vergeben. "Doch letztendlich wissen alle, dass es weniger um Wahrheiten geht, als um Macht und Geld", beklagt der Kinderpsychoanalytiker Hans Hopf und die AfD beklagt mangelnde Wissenschaftsfreiheit in Deutschland.


Desinformationstechniken

Hier findest du fünf Desinformations-Tricksskepticalscience.com bietet ein Schaubild zu diesen Techniken, die mit den Buchstaben PLURV abgekürzt werden (FLICC im Englischen):

Im Podcast erläutert Christian Drosten die "Grundmotive der Wissenschaftsleugnung, die sich immer weiter durchsetzen in unserer Gesellschaft". Er nennt Beispiele für die Techniken Wissenschaftsleugnung in Bezug auf die COVID-19-Pandemie:

 

Technik: Pseudo-Experten / Aufgeblähte Minderheit:

Das Positionspapier von Wissenschaft und Ärzteschaft von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: Kurz vor Beginn der zweiten Welle empfahl "die Wissenschaft", verkörpert durch Hendrick Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit, "auf Gebote anstelle von Verboten" zu setzen. Dasselbe gilt für die Great Barrington Erklärung, die auch deutsche Professor*innen unterzeichnet haben.

 

Technik: Unerfüllbare Erwartungen an naturwissenschaftliche Forschung:

Es werden Scheinargumentationen darüber geführt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht perfekt sind. Als Beispiel nennt Christian Drosten die Kritik an der PCR-Testung nach dem Motto: "Wenn so ein Test auch falsch-positiv sein kann, kann der Test die Infektion doch gar nicht nachweisen".

 

Technik: Rosinenpickerei:
Einige wenige Befunde zu einem bestimmten Thema werden ausgewählt und generalisiert, während breite Realitäten ausgeklammert werden.


App zum Thema "Wissenschaftsleugnung"

Der Kognitionspsychologe John Cook (skepticalscience.com) hat eine App veröffentlicht mit der man auf Argumente von Wissenschaftsleugner*innen reagieren kann: Cranky Uncle.

 

Bei dem Spiel Bad News kann man lernen, wie man pseudowissenschaftliche Behauptungen und Falschinformationen im Internet verbreiten kann. Studien zeigen, dass man in Sozialen Netzwerken vor allem durch Falschinformationen Reichweite erzielen kann (vergleiche Pizzagate).


Pseudowissenschaft am Beispiel <Homöopathie>

Wie kommt es, dass Homöopathie eine Therapieoption für die Praxis von Ärzt*innen ist - immernoch? Homöopathen haben es geschafft, sich der Forschung und des Evidenzbegriffs zu bemächtigen. Sie habe es geschafft, Jahrzehnte lang die Homöopathie als wissenschaftlich fundiert darzustellen. Homöopathie wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus. Das ist wissenschaftlicher Konsens. Trotzdem ist Homöopathie ein Wahlpflichtfach an deutschen Universitäten unterstützt vom Präsidenten der Bundesärztekammer Jörg-Dietrich Hoppe. Man muss befürchten, dass Ärzt*innen in Deutschland homöopathische Arzneimittel verordnen ohne Aufklärung, dass Globuli lediglich Zuckerkugeln sind.

 

"Wenn die Homöopathie sogar von den Krankenkassen bezahlt wird, wie soll dann der Normalmensch draufkommen, dass sie eigentlich ein Blödsinn ist", fragt Dr. Martin Mahner von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP).

 

Medikamentöse Therapien werden in Deutschland seit 1976 systematisch wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit überprüft nach dem Arzneimittelgesetz. Aber: Es gibt drei gesetzliche Ausnahmen: Homöopathie, Anthroposophie und pflanzliche Arzneimittel. 

 

Die Zulassung von homöopathischen Mitteln z.B. gegen Erkältung erlaubt das Arzneimittelgesetz ohne wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis. Dadurch ist ein Medikament also per Gesetzeskraft wirksam und darf legal so beworben werden. Skurril sind die gesetzlichen Kriterien für den Wirksamkeitsnachweis bei Homöopathika. Dazu gehört zum Beispiel die Dauer seit Markteinführung: Wenn Homöopathika seit 1978 auf dem Markt sind, spreche das für die Wirksamkeit. Randomisierte, kontrollierte Studien sind dagegen nicht nötig, um eine gesetzliche Zulassung solcher Homöopathika zu bekommen.

 

Obwohl es dem Public-Health-Ansatz widerspricht, wurde im Jahr 1992 in Deutschland ein Gesetz beschlossen, das es gesetzlichen Krankenkassen per Satzungsleistung erlaubt, die Kosten für unwirksame Mittel zu bezahlen. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn findet das sei „so okay", denn es gehe nur um 20.000.000 Euro im Jahr.


Pseudowissenschaft am Beispiel <Alternative Medizin>

Es gibt keine alternative Physik. Es gibt keine alternative Biologie. Es gibt keine alternative Anatomie. Deswegen gibt es keine alternative Medizin, sagt Patrick Larscheid vom Gesundheitsamt Berlin. Es gibt nur eine Medizin: Medizin, die angemessen überprüft und deren Wirkung belegt wurde. Trotzdem gibt es in Deutschland 47.000 Heilpraktiker*innen (Quelle: Bund Deutscher Heilpraktiker), deren Claim "Alternative Medizin" ist. So wie die Homöopathie per Gesetz wirksam ist, obwohl das nicht der Realität entspricht, gibt es auch gesetzliche Ausnahmen für Heilpraktiker*innen: Im Gegensatz zu einem Arzt, dürfen Heilpraktiker*innen ohne Approbation Krankheiten diagnostizieren und behandeln. Sie dürfen Behandlungsmethoden wie den Aderlass anwenden, die als "Unsinn" bezeichnet werden durch wissenschaftlichen Konsens (wiki/Stand der Wissenschaft).

 

"It is time for the scientific community to stop giving alternative medicine a free ride. There cannot be two kinds of medicine - conventional and alternative. There is only one medicine that has been adequately tested and medicine that has not" (Angell & Kassirer 1998).


Sind Verschwörungserzählungen und Pseudowissenschaften ein Problem?

Pseudowissenschaftliche Therapien zur Behandlung körperlicher oder psychischer Erkrankungen können zu schweren Schäden führen. Über spektakulärere Fälle wird in den Medien berichtet, hier fünf Beispiele:

Nicht nur im Gesundheitssystem führen Falschinformationen zu mehr oder weniger großen Problemen, manchmal zu fatalen Ereignissen wie dem Tod von Menschen. Auch für demokratische und freiheitliche Gesellschaften insgesamt ist die Verbreitung von Desinformationen eine Gefahr. Verschwörungserzählungen können Menschen zu Handlungen motivieren wie den Anschlag in Hanau 2020Verschwörungstheorien sind keine Theorien im naturwissenschaftlichen Sinn, erklärt Pia Lamberty. Daher erscheint es passender, den Begriff Verschwörungserzählung zu benutzen.


Was ist evidenzbasierte Gesundheitsversorgung?

Die Bewertung von Behandlungsmaßnahmen "geschah traditionell aufgrund der Erfahrung, die ein Arzt in seiner Praxis im Laufe der Jahre sammelte. Während dieses so erworbene Wissen zwangsläufig subjektiv und unsystematisch ist, haben die letzten Jahrzehnte eine beeindruckende Verbesserung gezeigt: Das Wissen über Vor- und Nachteile einzelner medizinischer Verfahren – von Arzneimitteln bis hin zu Operationstechniken wird immer systematischer durch wissenschaftliche Studien belegt (...) Die Information aus den klinischen Studien ist in den letzten Jahren eine mächtige Ergänzung der ärztlichen Erfahrung geworden 

und hat sogar einen eigenen Namen bekommen: Evidenz" (Evans et al. 2013).

 

Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung "ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten" (Sackett et al. 1997). Dieser Ansatz verbindet die beste verfügbare externe Evidenz mit individueller klinischer Expertise und Patientenpräferenzen. Diese Definition gilt auch für psychologische Therapien nach den Grundsätzen der American Psychological Association (APA) und der Society of Clinical Psychology.

 

In Deutschland gab es Einwände über vermeintliche Grenzen der evidenzbasierten Medizin. Häufig gab es das Missverständnis, Behandler würden in ihrer Behandlungsfreiheit beschnitten; es gehe nur noch um das Anwenden von Kochrezepten. Diesen Einwänden wurde widersprochen wurde durch den damaligen Präsidenten der Ärztekammer Berlin.


Psychotherapie: Wissenschaft oder Pseudowissenschaft?

Der Psychotherapieforscher Klaus Grawe fordert in seinem Werk Psychotherapie im Wandel: Von der Konfession zur Profession, Psychotherapie solle auf (natur)wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Er plädierte für empirische Forschung als Grundlage für Psychotherapie anstelle von ungeprüften bzw. unüberprüfbaren Hypothesen.

 

Dieses Video geht der Frage nach: Is psychology a science?


Evidenzbasierte Psychotherapie: Wenig verbreitet in Deutschland

Es gibt in Deutschland einen großen Mangel bezüglich der Verbreitung (Dissemination) von evidenzbasierter Psychotherapie. Beispielsweise zeigt eine im Jahr 2020 veröffentlichte Studie, dass bei 92% der untersuchten Patient*innen mit schwerer Depression die Behandlung nicht leitliniengerecht war.

 

Noch immer ist die Haltung von Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen Alltag, "sich einzig auf die eigene Intuition und einmal gelernte Verfahren zu verlassen sowie wissenschaftliche Ergebnisse und psychometrische Befunde zu ignorieren", berichten Lutz et al. 2019

 

Immer wieder gibt es Veröffentlichungen, die Psychotherapeut*innen zu Maßnahmen der Qualitätssicherung auffordern. Außerdem gibt es zunehmend Vorgaben z.B. über den Einsatz standardisierter diagnostischer Instrumente (§10 Abs. 2 Psychotherapie-Richtlinie). Eine häufige Reaktion darauf ist aber: "Ich habe in meiner langjährigen verhaltenstherapeutischen Praxis noch nie Fragebögen eingesetzt", schreibt eine Psychotherapeutin in einem Leserbrief an das Deutsche Ärzteblatt. Denn ihre eigene persönliche Form der Diagnostik sei genauer. Thorsten Padberg berichtete bereits 2013 im Artikel "Denn sie wissen nicht, was wir tun" über Fragen der Wissenschaftlichkeit standardisierter Diagnostik.


Phobie à deux

Eine Studie von Moritz et al. (2018) fand, dass Patient*innen mit einer Zwangsstörung selten mit der nachweislich wirksamsten Technik behandelt werden: Konfrontation mit Reaktionsverhinderung. Die Autoren erklären das mit einer Phobie à deux: Auch Psychotherapeut*innen leiden unter Angst, nämlich der Angst, Patient*innen Angst auszusetzen - das gelte auch für Verhaltenstherapeut*innen, berichten sie.


Geringschätzung von Wissenschaft

Manche Psychotherapeut*innen vertreten die Meinung, Psychotherapie ist mehr als Wissenschaft: Eine Kunst, so wie der Gründer des Centrums für Integrative Psychotherapie (CIP) Serge Sulz. Die Idee von Psychotherapie als Kunst kann sich in diesen Einstellungen widerspiegeln:

  • Ein standardisiertes Vorgehen in der Diagnostik und Therapie würde zu einer unpersönlichen Behandlung führen und der Einzigartigkeit von Menschen nicht gerecht werden.
  • Psychotherapie sei mehr "als das Befolgen bloßer Regeln" (Gumz & Hörz-Sagstetter 2018).
  • Die therapeutische Beziehung sei entscheidend - deswegen müsse auf Techniken weniger Wert gelegt werden.

Beispielhaft soll auf den letzten Punkt eingewendet werden: "eine gute Beziehung genügt alleine nicht, obwohl das immer wieder einmal zu lesen ist" (Linden & Hautzinger 2015). "Techniken können Psychotherapie ein Stück weit zum soliden, erlernbaren Handwerk machen, fernab von einer schwer nachvollziehbaren Kunst oder Narrenfreiheit" (Hoffmann in ebd.).

 

Sulz spricht sich zudem für Beweislastumkehr aus: Wenn eine Therapie "zu wenig empirische Belege der Wirksamkeit" erbracht hat, ist es "nicht ihre Aufgabe", diese Wirksamkeit zu beweisen, sondern die Aufgabe der etablierten Wissenschaft diese Wirksamkeit nachzuweisen.


Weitere Probleme in der Evidenzbasierung

Es gibt mehrere Probleme bei der Evidenzbasierung von Psychotherapie. Drei Beispiele sind:

1) Fehlanreize

Es kann in der Kinderpsychotherapie hilfreich sein, auch kreative Techniken einzusetzen, z.B. die Familie als Tiere zu malen. Manche Behandler betrachten ein solches Bild tatsächlich als "Test", der valide und reliable diagnostische Informationen liefert. "Als Konsequenz ergeben sich fehlerhafte Diagnosen" (Macho 2016). Solche "Tests" werden im Vergütungssystem (EBM) sogar besser vergütet als wissenschaftliche Tests, welche die notwendigen Gütekriterien erfüllen. Auch in Gerichtsverfahren an deutschen Familiengerichten wurden solche "Tests" zur Wahrheitsfindung eingesetzt.


2) Studien unzureichender Qualität

Neben vieler methodisch guter Forschung gibt es Studien von "unzureichender Qualität" (Evans et al. 2013). Ein Beispiel ist die deutsche LAC-Depressionsstudie. Diese wollte die Wirksamkeit von Psychoanalytischer Therapie und Kognitiver Verhaltenstherapie vergleichen. Nach Veröffentlichung der Ergebnisse zeigten sich jedoch "teils gravierende Unstimmigkeiten". Beispielsweise wurde im Nachhinein das Ergebnismaß (Endpunkt) nicht mehr berücksichtigt. Auch das "Versuchsdesign sowie die erreichte Stichprobengröße sind ungeeignet, um die in den Hypothesen vermuteten Effekte nachzuweisen" (Kaiser et al. 2019). Die Autoren der Studie ziehen unzulässige Schlüsse. Es wurden "wissenschaftliche Standards verfehlt und ungünstige Ergebnisse im Nachhinein mit viel Interpretation und selektivem Berichten verzerrt dargestellt".

 

Ähnlich verhält es sich bei der Frankfurter ADHS-Wirksamkeitsstudie. Diese wollte psychoanalytische und verhaltenstherapeutische bzw. medikamentöse Behandlungen von Kindern mit ADHS und Sozialverhaltensstörung vergleichen. "Die Studie ist mit erheblichen methodischen Mängeln behaftet" (AWMF 2018) und daher nicht in der Lage, gültige Aussagen zu treffen. Die Autoren der Studie vertreten abweichende wissenschaftliche Positionen.

 

Für die Qualitätsbewertung der Evidenz für die Entwicklung von Leitlinien ist der GRADE-Ansatz hilfreich (Grading of Recommendations Assessment, Development and Evaluation).


3) Aufwand

Es ist für Psychotherapeut*innen, die z.B. 60 Patient*innen mit 40 verschiedenen Problemlagen in der Praxis behandeln, extrem viel zeitaufwendiger, mit allen Patient*innen in jeder Sitzung eine leitliniengerechte und evidenzbasierte Behandlung durchzuführen. Sehr viel einfacher ist es, weniger strukturiert vorzugehen und in jeder Therapiestunde zu fragen: "Worüber möchten Sie heute reden?". "Viele Therapeuten bereiten ihre Therapiestunden daher nicht weiter vor" (Lindenmeyer, 2020). Es ist eine sehr große Herausforderung, den Inhalt der etwa 50 wichtigsten Therapiemanuale (einschließlich Tausenden von Arbeitsblättern) zu kennen, zu beherrschen und auf den Einzelfall individuell anzupassen, sodass sie fachgerecht in den Sitzungen und im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplanes eingesetzt werden.


Weitere Informationen:

Auszug aus der Kolumne "Wissenschaft und Praxis" aus dem Kammerbrief 2-2020 der Psychotherapeutenkammer Berlin

 

Disseminating Evidence-Based Practice for Children and Adolescents (APA)


Der Mangel an Evidenzbasierung am Beispiel "IGeL-Leistungen"

Da der Nutzen vieler individueller Gesundheitsleistungen (IGeL-Leistungen) nicht belegt ist, sie aber dennoch oft angeboten werden, gibt es den igel-monitor.de für Patient*innen. Dort kann man überprüfen, ob es einen Wirksamkeitsnachweis für eine Behandlung gibt.


Bewertet werden auch Leistungen im Bereich psychischer Erkrankungen. Zum Beispiel die Kunsttherapie bei psychischen Erkrankungen, die oft Standard ist in psychiatrischen Krankenhäusern.


Rat an Patient*innen

Woher können Patient*innen wissen, welche Behandlungen wissenschaftlich und welche pseudowissenschaftlich sind? Zum einen ist es hilfreich, verlässliche Gesundheitsinformationen zu lesen. Zum anderen sollte es selbstverständlich sein, Behandler*innen zu fragen:

  • <<Woher wissen Sie, dass diese Therapie hilft?>>
  • <<Was passiert, wenn ich diese Therapie nicht bekommen würde?>>
  • <<Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse zu dieser Therapie? Welche?>>

Die Erkenntnisse aus naturwissenschaftlichen Studien sind etwas anderes als Anekdoten und die persönliche Erfahrung von Behandler*innen: Einzelfälle können niemals ein Beleg für die Wirksamkeit / Nichtwirksamkeit einer Behandlung sein.

 

Außerdem empfehle ich allen Patient*innen, immer nach den Nebenwirkungen einer Behandlung zu fragen. Grundsätzlich gilt: Nur wo es keine Wirkung gibt, gibt es auch keine Nebenwirkung. Psychotherapie kann genauso Nebenwirkungen haben wie jede andere Therapie auch. Ein Beispiel: Ein Therapeut führt eine "nondirektive Spieltherapie" durch; dadurch nehmen die Eltern an, dass der Therapeut die Verhaltensprobleme des Kindes reduzieren kann; die Eltern lernen bei dieser Therapie aber nicht, dass das Verhalten der Bezugspersonen im Alltag entscheidend ist zur Reduktion der Probleme; weil die Eltern ihr Verhalten nicht verändern, kommt es zu einer Verfestigung der Verhaltensprobleme des Kindes.


Verlässliche Informationsquellen

patienten-information.de | Herausgeber: Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin, Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung

 

gesundheitsinformation.de | Herausgeber: Stiftung für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, iqwig.de | Das IQWIG geht zum Beispiel der Frage nach, ob Psychotherapie im Vergleich zu anderen Therapien zu besseren Ergebnissen führt bei Depressionen im Kindes- und Jugendalter. Oder es veröffentlicht Stellungnahmen, ob das Burnout-Syndrom wissenschaftlich Kriterien genügt

 

cochrane.de/patienteninformationen | Herausgeber: Cochrane Deutschland Stiftung | Die Stiftung bietet Evidenz für informierte Entscheidungen | Beispiel-Review: Wirkt die Verhaltensaktivierung bei Depressionen?

 

faktencheck-gesundheitswerbung.de | Herausgeber: Verbraucherzentrale NRW e.V.


Die Prinzipien der Wissenschaft verstehen

Im Internet gibt es neben sehr vielen Falschinformationen auch Inhalte, die sehr gut wissenschaftliche Prinzipien erklären. Beispielsweise von maiLab (ardmediathek.de) oder Neil deGrasse Tyson (Spotify).

Die Prinzipien wissenschaftlicher Studien

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) erklärt, dass es für die "Bewertung des Nutzens und Schadens von Therapien" bestimmter Studien bedarf: Randomisierte kontrollierte Studien (RCT) sind dabei am zuverlässigsten. Dabei wird experimentell die Wirkung einer Maßnahme verglichen mit einer Kontrollgruppe (z.B. Wartekontrollgruppe, Treatment-as-usual-Gruppe). "Das gilt nicht nur für Medikamente", sondern auch für Psychotherapie. Studien, die nicht randomisiert und kontrolliert sind, erhöhen die Gefahr verfälschter Studienergebnisse, z.B. durch den Zufall und systematische Verzerrung (AWMF 2015).

 

Das IQWIK hat ein Schaubild darüber erstellt, welche Arten von Studien sich eignen, um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen:


Zitierte Quellen

Nguyen-Kim, M.T. (2021): Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit. Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streifragen wissenschaftlich geprüft

 

Grams, N. (2020): Was wirklich wirkt. Kompass durch die Welt der sanften Medizin

 

Nocun, K.  & Lamberty, P. (2020): FAKE FACTS. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen

 

Evans, I., Thornton, H., Chalmers, I., Glasziou, P. (2013): Wo ist der Beweis? – Plädoyer für eine evidenzbasierte Medizin

 

Lutz, W., Neu, R., Rubel, J.A. (2019): Evaluation und Effekterfassung in der Psychotherapie

 

Lindenmeyer, M. (2020): Therapie-Tools Gruppentherapie 1

 

Macho, S. (2016): Wissenschaft und Pseudowissenschaft in der Psychologie

 

Gumz & Hörz-Sagstetter (Hrsg.) (2018): Psychodynamische Psychotherapie in der Praxis

 

Angell, M. & P. Kassirer, J.P (1998): Alternative Medicine — The Risks of Untested and Unregulated Remedies

 

Sackett, D.L., Rosenberg, W.M.C., Gray, J.A.M., Haynes, R.B., Richardson, W.S. (1997): Was ist Evidenz-basierte Medizin und was nicht?