Wissenschaftlichkeit

Nicht alle gesundheitlichen Behandlungen in Deutschland sind wissenschaftlich fundiert. Das bekannteste Beispiel ist die Homöopathie. Ich habe Probleme, Menschen ernst zu nehmen, die Homöopathie verschreiben, ohne Patienten darüber aufklären, dass es sich um einen Placebo handelt. Vermutlich tun das Behandler in der Überzeugung, ihren Patienten zu helfen. Und auf eine Weise haben Sie ja Recht: Natürlich kommt es während der Einnahme von Homöopathie bei bestimmten Problemen zu einer Verbesserung (aber eben nicht wegen eines medizinischen Wirkstoffes, sondern aufgrund anderer Ursachen).

 

Medizinische Fake News und unwissenschaftliche Behandlungen können zu schweren Gesundheitsschäden führen. So wurde in der Coronakrise die Lüge verbreitet, man könne das Virus bekämpfen, indem man Bleichmittel trinkt. Und erst im Jahr 2019 wurden Konversionstherapien verboten, also vermeintliche Psychotherapie zur "Heilung" von Homosexualität.

Evidenzbasierte Therapie

Auch in der Psychotherapie sollte darauf geachtet werden, dass eine Behandlung wissenschaftlich begründet ist, das bedeutet, dass sie evidenzbasiert ist. Zum Beispiel, wenn Eltern eine "Spieltherapie" angeboten wird bei Sozialverhaltensproblemen ihres Kindes oder wenn Tests wie "Familie in Tieren" oder der Rorschachtest durchgeführt werden. Warum bieten nicht alle Psychotherapeuten eine evidenzbasierte, manualisierte Psychotherapie an? 

 

Manche Behandler sind der Meinung, Psychotherapie ist eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Es gehe viel um die eigene Intuition. Diese Behandler denken, dass die therapeutische Beziehung das Wichtigste sei und alle weiteren Therapieinhalte nicht entscheidend seien. Sie sind der Meinung, dass ein standardisiertes, evidenzbasiertes Vorgehen zu einer unpersönlichen Behandlung führt. Sie sind stolz, sich nicht dem "Mainstream" anzupassen und sich nicht "Techniken" unterzuordnen.

 

Ich denke: Der Einsatz evidenzbasierter Methoden ist das Hauptzeichen für die Professionalität eines Behandlers.

 

Empfehlung

Ich empfehle daher allen Patienten, stets nachzufragen bei ihrem Behandler, ob die Wirksamkeit einer Behandlung belegt ist (oder lediglich auf der Erfahrung des Behandlers beruht). Wenn die Wirksamkeit belegt ist, sollte der Behandler in der Lage sein, Studien oder Leitlinien zu nennen und deren Ergebnisse zu erklären. Das gilt im Kontakt zu allen Behandlern im Gesundheitswesen (Ärzte, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten etc.). Eine Wirksamkeit lässt sich belegen durch randomisierte, kontrollierte Studien. Einzelfallberichte ("bei einer Bekannten hat das auch geholfen") sind kein Beleg für die Wirksamkeit.

 

 

Außerdem empfehle ich allen Patienten, immer nach den Nebenwirkungen einer Behandlung zu fragen. Grundsätzlich gilt: Nur wo es keine Wirkung gibt, gibt es auch keine Nebenwirkung. Psychotherapie kann genauso Nebenwirkungen haben so wie jede andere Therapie auch. Ein Beispiel für eine Nebenwirkung von Psychotherapie: Ein Therapeut führt die oben genannte "Spieltherapie" durch; dadurch nehmen die Eltern an, dass der Therapeut die Verhaltensprobleme des Kindes direkt reduzieren kann; dadurch lernen die Eltern nicht, dass in Wirklichkeit das Verhalten der Bezugspersonen im Alltag entscheidend ist zur Reduktion der Probleme; weil die Eltern ihr Verhalten nicht verändern, kommt es zu einer Verfestigung der Probleme des Kindes.

Von der Konfession zur Profession

Im Jahr 1994 veröffentliche der Psychotherapieforscher Klaus Grawe den Titel "Psychotherapie im Wandel: Von der Konfession zur Profession". Darin beschäftigt sich Grawe wissenschaftlich mit der Wirksamkeit von Psychotherapie. Er fordert, dass Psychotherapie ausschließlich auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren soll. Dieser Wandel braucht scheinbar viel Zeit. Denn knapp 30 Jahre später ist das Ziel noch nicht erreicht.

Links

Leitlinien kann man auf www.awmf.org suchen. Die Abkürzung AWMF steht für die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. Beispiele für Suchbegriffe, die zu verfügbaren Leitlinien führen: "ADHS", "Schlafstörungen", "Depression".

 

Unter www.patienten-information.de gibt es verlässliche Informationen über die evidenzbasierte Medizin